Ausflug in die Vergangenheit

Meinen Vater, der schon seit einiger Zeit nicht mehr in Berlin wohnt, sehe ich normalerweise etwa zwei Mal im Jahr: einmal im Spätsommer zum Grillen in seinem Garten und dann nochmal aus den verschiedensten Gründen, wie Geburtstag oder Urlaub …

Neulich hatte ich aber große Lust ihn zu sehen und zu quatschen. Und während ich das vor einiger Zeit noch einfach als nicht möglich hingenommen hätte, schrieb ich ihm jetzt einfach einen Nachricht: Ich möchte dich gern sehen! Wollen wir uns in der Mitte treffen?

Und siehe da, kurze Zeit später stand die Verabredung und so trafen wir uns letzten Sonntag am Bahnhof Oranienburg.

Also fuhr ich von meinem jetzigen Wohnort aus mit der S1 nach Oranienburg, dem Ort, an dem ich geboren wurde.

Gezeugt wurde ich in Luanda/Angola, wo meine Eltern mit meiner acht Jahre älteren Schwester lebten. Mein nochmal acht Jahre älterer Bruder lebte zu diesem Zeitpunkt schon bei unserer Oma in Deutschland – Kinder durften in der DDR ab zehn Jahren nicht mehr mit ausreisen.

Für die Geburt reiste meine Mutter mit meiner Schwester nach Deutschland. In Oranienburg bekamen sie eine Wohnung gestellt.

Im ersten Stock war unser Küchenfenster.

Ich wurde dann im Polizeikrankenhaus in Oranienburg geboren, dass nicht weit von unserer Wohnung entfernt lag. Die Geburt war wohl nicht so schön, da die Krankenschwestern in die Mittagspause wollten und daher alles etwas beschleunigten…

Ehemaliges Polizeikrankenhaus

Mein Vater konnte nicht kommen und sah mich wohl erst zwei Monate später. Dafür gab es diesen Telegrammwechsel.

Empfangen wurde ich also von meiner Mutter natürlich, von meiner Schwester und von meinem Bruder und meiner Oma, die beide angereist waren.

Mein Bruder war nur mäßig begeistert, da ich genau einen Tag vor seinem 16. Geburtstag zur Welt kam und der geplante Besuch in den Intershop damit ins Wasser fiel.

Meine Schwester blieb ganz pragmatisch und verfasste diesen Brief.

Nachdem mein Vater aus Angola wiedergekommen war und wir uns kennengelernt hatten, musste er zu einer Kur, bevor wir dann ein paar Monate nach meiner Geburt nach Maputo/Mozambique zogen. Hier blieben wir die nächsten drei Jahre. Meine Schwester war dann das letzte Jahr nicht mit dabei, da sie ja zehn wurde und auch zu unserer Oma zog.

Ich habe natürlich nur sehr wenige und bruchstückhafte Erinnerung an Afrika, aber ich würde sehr gerne einmal nach Maputo reisen und so einen Kreis schließen.

Nach den Jahren in Maputo zogen wir dann wieder in die Wohnung in Oranienburg und blieben dort für etwas mehr als ein Jahr. Mein Vater arbeitete in Berlin und pendelte täglich in die Stadt, meine Schwester zog wieder zu uns, mein Bruder war ja nun schon erwachsen und ging eigene Wege. Meine Mutter arbeitete in der Schule in der Nähe der Wohnung, in die auch meine Schwester ging und wo nebenan wohl auch mal mein Kindergarten war.

Ich habe zwei Erinnerungen an diese Zeit. Einmal “mein Zimmer”, was eigentlich eher die vordere Ecke des Arbeitszimmer meines Vaters war. Hier stand mein Gitterbettchen und hinter einem großen Schrank und einem Vorhang saß mein Vater, rauchte Pfeife und tippte auf der Schreibmaschine seine Doktorarbeit. Das ist eine meiner schönsten Erinnerung an meinen Vater – ich fühlte mich sehr wohl und sicher mit den Gerüchen und Geräuschen und seiner Anwesenheit.

Bei der anderen Erinnerung spiele ich auf dem Hof, nicht auf dem kleinen Spielplatz sondern in einer Matschpfütze. Ich kniete vor ihr und fuhr mit meinen Armen und Händen immer vor und zurück, als meine Mutter mich aus dem Küchenfenster zum Abendbrot hoch rief. Ich fühlte vielmehr als ich dachte: ich will nicht hoch, nicht in die Wohnung, nicht zu euch – ich will hier bleiben im Matsch.

Genau hier war die Pfütze, nur damals erschien mir natürlich alles viel größer und den Rasen gab es noch nicht

Als ich fast fünf war, erfüllten sich meine Eltern oder vielleicht eher mein Vater den Traum vom Haus auf dem Land. Dafür pachtete er in Wensickendorf ein Häuschen – nur leider wurde aus dem Traum ziemlich schnell ein Alptraum. Zumindest für meine Eltern und meine Schwester – für mich war es die schönste Zeit meiner Kindheit.

Also war dies auch unsere nächste Station auf unserem Tagesausflug.

Während sich unsere Nachbarn, die auch unsere Vermieter waren recht schnell als böse Drachen herausstellten, das Haus hier und da auseinander fiel, mein Vater nach wie vor jeden Tag in die Stadt pendeln musste und meine Schwester eine schwere Zeit in der neuen Schule hatte, genoss ich die Natur in vollen Zügen.

Es war schön, mit meinem Vater in Wensickendorf stehend Erinnerungen auszutauschen. Ich wusste nicht, wie viel ihm die feierabendlichen Spaziergänge mit unserem Hund Kati durch Wald und Felder bedeuteten und auch nicht, dass er mich regelmäßig morgens zur Kita brachte, da sie nahe des Bahnhofs lag.

Es sieht alles natürlich sehr anders aus als damals, aber es wohnen immer noch unsere Nachmieter hier.

Für mich bedeutet Wensickendorf absolute Freiheit und auch wenn ich die Sorgen und Streitereien der Familie mitbekam, waren die Natur und die Tiere mein Rettungsanker. Und Enrico – mein ein Jahr jüngerer Freund, mit dem ich jede freie Sekunde verbrachte. Er wohnte ein paar Häuser weiter und seine Familie war für mich wie ein zweites Zuhause. Wir sahen zu, wie die Hühner geschlachtet wurden, waren mittendrin in der Heuernte und tobten mit seinem Vater, aßen Spaghetti mit den Fingern, badeten zusammen in der Badewanne, schliefen gemeinsam in einem Bett. Wir kletterten auf die höchsten Bäume bis in die Wipfel und ließen uns vom Wind hin und her wiegen. Wir spielten, wir seien Wildschweine und krochen durch das Unterholz. Wir rannten und sprangen durch die Wiesen und über Gräben und fielen nicht selten hinein.

Mein Vater erinnerte sich daran, wie ich barfuß mit den Schuhen in der Hand, völlig dreckig und durchnässt aber strahlend nach Hause kam.

Ich habe nie wieder so jemanden wie Enrico gefunden, mit dem ich einfach sein konnte voller Leichtigkeit und Natürlichkeit. Bis zu diesem Augenblick auf der Reha, als da auf einmal dieser Mensch stand und fragte, ob er mich in den Wald begleiten dürfte und dann mit mir kreuz und quer lief, über Baumstämme balancierte, Käfer bewunderte und abgeholzte Bäume betrauerte. Da war es wieder, dieses einfach zusammen sein können ohne viele Worte und doch verbunden. Was für ein Geschenk!

Nachdem der Streit mit den Nachbarn seinen Höhepunkt erreichte als sie unseren Hund entführten und ermordeten, gaben meine Eltern das Landleben auf und wir zogen nach etwas mehr als einem Jahr in die Stadt.

Enrico sah ich nie wieder – nur einmal ein Foto von ihm als ich 15 war und in meiner Hochpunkphase. Er war ein Skinhead geworden, wie soll es auch anders sein auf dem Land in Brandenburg damals. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, denn ich sah in ihm immer noch den Jungen von damals und fühlte die Vertrautheit und das wog soviel schwerer als die Trennung in rechts und links.

Wir sind ja doch alles nur Menschen mit Ängsten, Vorstellungen und Sehnsüchten, die sich sehr ähneln und finden uns nur in verschiedenen Lösungsansätze wieder, verrennen uns in Extremen.

Während es also für mich und meine Familie nach Berlin Mitte ging, wo wir die nächsten drei Jahre bis zur Wende lebten und ich auch eingeschult wurde, fuhren mein Vater und ich in eine Gaststätte auf dem Weg nach Wandlitz. Mein Vater hatte sich vorher erkundigt und sie hatten wirklich ein veganes Gericht auf der Karte.

Während mein Vater sich sein Eisbein schmecken ließ, war ich wieder einmal sehr dankbar, dass meine Eltern mein vegan sein so gut annehmen. Das habe ich bei anderen schon anders erlebt.

Nach dem Essen fuhren wir nach Wandlitz an den See und spazierten dort entlang.

Mein Vater erzählte mir, dass wir früher oft hierher und an den Liepnitzsee fuhren. Als ich von der Reha zurück kam, zog es mich so sehr in die Natur und ich wählte blind einen Punkt in Brandenburg aus – den Liepnitzsee und fühlte mich dann so wohl dort. Soviel zu Zufällen und so…

Zum Abschluss tranken wir noch einen Kaffee und dann setzte sich mein Vater in sein Auto und fuhr nach Hause und ich stieg in den Zug, um zu einem anderen Ort in Brandenburg zum Reha-Mitwaldläufer zu fahren.

Das war ein so schöner Tag und alles nur, weil ich nicht bei dem Gedanken kleben blieb, das geht nicht, sondern fragte: wollen wir uns sehen!

Hier habe ich schon mehr über meine Erinnerungen und meine Kindheit geschrieben: