Hinter uns mein Land

von Babak Ghassim und Usama Elyas

Dieser Text hat mich so sehr berührt. Wieso fällt es uns so schwer, mit zu fühlen mit dem Schmerz der anderen. Wieso wiederholen sich solche Geschehnisse immer wieder? Stell dir vor, du mußt solche Dinge erleben! Wie kannst du dann sagen: Nein, hier ist kein Platz?!?!?!

Es macht mich so traurig und zugleich möchte ich etwas tun, aufstehen und etwas tun und zeigen, dass es mir nicht egal ist, dass es nichts gibt, das wichtiger ist als das „Nicht Wegschauen“ – „Nicht Wegrennen“ – Nicht Wegargumentieren“ – „Nicht Schweigen“! Sondern: wahrnehmen, da sein, verstehen, helfen, tun, was man tun kann!!!!

Ich bin auf diesen Text gestoßen, weil ich nochmal neue Informationen für die St. Martinszeit suchte für die Arbeit im Kindergarten.

 

Hinter uns mein Land, alles, was ich bin, wurde dort geboren.

Alles, was mir Heimat war – der Bolzplatz, wo wir als Kinder spielten, das Lächeln meiner ersten Liebe, der Apfelbaum bei uns im Park und der kleine See, hinterm Berg versteckt.

Der heiße Tee auf dem Blechtablett, faltige Geschichtenerzähler, Lachfalten zieren ihre Gesichter, Quatsch machen auf dem Weg von der Schule nach Haus.

Nachts warten bis die Eltern schlafen und dann wieder raus, das quietschende Fahrrad meines Bruders, die Gedichte Nerudas und der Geruch von nassem Rasen.

Radios, die gequälte Töne trotzdem wie Melodien raustragen, das Singen meiner Schwester am Morgen, meine Mutter.

Meine Mutter mit ihren ständigen Geldsorgen und – ich weiß nicht warum – Marienkäfer.

All das war mir Heimat.

All das war mir einst Heimat.

Aber ich konnte nicht mehr bleiben, hinter uns der Krieg, das frische Grab meiner Eltern. Der letzte Erdkrumen rollt noch ab, hat seinen festen Platz noch nicht gefunden. So frisch ist meine Trauer und nichts ist verarbeitet.

Ich konnte nicht mehr bleiben. Man sprach von uns als den Todgeweihten.

Unsere Leute in Züge gezwungen, die im Rauch der Loks dahingleiten.

Unsere Türen zertrümmert, Schaufenster in Scherben, unsere Eltern verängstigt, Geschwister geschunden und grausame Nachrichten von Freunden – denen, die noch da waren, die meisten waren verschwunden.

Man konnte nicht mehr bleiben, keinen weiteren Tag mehr. Der nächste Schritt in meiner Stadt, ist der letzte Schritt in meinem Land. Und der schlimmste Schritt dann, auf dieses rostige Boot, was wanken wird zunächst, uns halten wird zunächst und dann wird es sinken, uns dem Meer übergeben – dem Meer, so trostlos. Der Mond versteckt sich hinter den Wolken, die Nacht so dunkel – du siehst nichts.

Stundenlang nichts. Und wenn ich im Dunkeln die Augen schließe, höre ich meiner Mutters Stimme. Um uns her ist nur das Meer, als wär’ unser Boot das Herz aller Dinge. Ich öffne die Augen und blicke Richtung Himmel. Gebete sind unsere Segel.

Rettungswesten werden den Rest übernehmen, nur die Hoffnung können sie nicht tragen. Ein Mann schwimmt auf mich zu: „Hier nimm du – ich schaffe es nicht mehr. Ein Jahr ist er alt und Bersem sein Name“. Der Vater gleitet aus der Weste ins ewig dunkle Blaue. So wurde ich das erste Mal Vater – im Meer also, per Übergabe also. Der Mann aus der Weste gab mir sein Erbgut als Erbe.

Im Exil angekommen, habe ich schnell gemerkt: Die wichtigsten Wörter sind „Aufenthaltsgenehmigung“, „Entschuldigung“ und „Danke“. 

Im Exil angekommen sah ich eine Familie nach langer Zeit vereint, wie der Vater vor Glück wimmert, still und aus tiefstem Innern mit all der Scham eines Menschen, der selten weint. Ich folgte der Familie Schritt für Schritt, aber nur mit meinem Blick.

Im Exil angekommen, aber die Heimatserde, nimmt man an den Fußsohlen mit. Denn ich bin von dort und ich hab Erinnerungen. Ich bin geboren, wie die Menschen geboren werden. Ich habe eine Mutter, die mich liebt und es bricht mir das Herz – in den Briefen, die sie schrieb, sehe ich, wie ihre Hand inzwischen zittert. Wenn ich nun „Heimweh“ sage, sage ich „Traum“, denn die alte Heimat gibt es kaum. Und bleiben wir hier, werden wir wie der Strand: nicht ganz Meer, nicht ganz Land.

Und bleiben wir hier, werden wir wie der Strand: nicht ganz Meer, nicht ganz Land. Im Exil angekommen, heißt mich ein Heer willkommen. Das andere Heer hißt mir fremde Fahnen. Manchmal spürt man die Liebe, manchmal spürt man den Hass. Dir schauen sie aufs Kopftuch, mir in den Pass. Aber sei ihnen nicht böse – Habibi – vergib ihnen, sie vergaßen die Liebe. Sie vergaßen die Liebe, wünsche ihnen den Frieden – im Gegenteil: zeig’s ihnen.

Wir sind Stehaufmenschen: reißt uns die Beine weg und wir gehen auf Händen.

Reißt uns die Beine weg und wir gehen auf Händen. Machen das Beste aus unseren Leben, bis unsere Leben enden. Wer weiß, vielleicht kehre ich eines Tages heim und es wird nicht alles verwandelt sein. Vielleicht sehe ich unseren alten Apfelbaum oder den Bolzplatz hinter rostbraunem Zaun und ich umarme meine Geschwister und ich küsse meine Mutter und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.

Mein Name ist Ahmed Yussuf, Vater von Betsem und ich bin Flüchtling. 

Ich bin aus Syrien geflohen

Mein Name ist Daniel Levi und ich bin Flüchtling.

Ich bin aus Deutschland geflohen.

Das Jahr ist 2015.

Das Jahr ist 1938.

 


4 Gedanken zu “Hinter uns mein Land

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