Flucht und Vertreibung 1945

Wir sind in Split, in Kroatien und machen Urlaub. Den ganzen Tag über hatte meine Mutter schon Herzschmerzen und ich mache mir Sorgen, ob es nicht zu viel für sie ist. Als wir am frühen Abend in unser Apartment zurückkehren, ruft mich mein Bruder aus Deutschland an: „Du musst jetzt bei Mutti bleiben und auf sie aufpassen – ihr Bruder ist gestorben. Gib sie mir bitte.“

Einen Tag zuvor hat mir meine Mutter einen Text gegeben und gefragt, ob das was für meinen Blog wäre. Es ist ein autobiographischer Text und behandelt eine Zeit lang vor meiner Geburt, die aber dennoch für mich und die gesamte Familie sehr prägend ist. Gerade in dieser, in unserer Zeit, in der so viele Menschen flüchten müssen, muss ich immer wieder an die Geschichten meiner Großmutter und meiner Mutter denken. Hier ist nun der Text, den mir meine Mutter gab. (Ich weiß, du liest hier mit und ich würde mich sehr über weitere dieser Texte freuen.)

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Ich sitze am Bett meines Bruders. Er ist sehr krank. Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich die Veränderungen an ihm erschüttern.

Er erzählt mir, dass ihn viele Gedanken bewegen aus unserer Vergangenheit.

Die aktuellen Berichte über die Flüchtlinge, die Asylsuchenden erinnern ihn an unsere Flucht aus Schlesien kurz nach Ende des Krieges. Auch meine Gedanken schweifen immer wieder in diese Zeit zurück und zu dem, was mir darüber erzählt worden ist:

Unsere Mutter lebte mit ihren Eltern in Hirschberg im Riesengebirge. Dort wurde 1941 auch mein Bruder geboren. Wenige Monate vor Kriegsende wurde unser Vater dann nach Brünn versetzt. Unsere Eltern lebten dort in einer Wohnung, die zuvor einer jüdischen Familie gehört hatte.

In dieser Wohnung wurde ich an einem Freitag, am 19. Januar 1945, während eines Bombenangriffs geboren.

Aufgrund des Fliegeralarms konnte die Hebamme nicht kommen und so half mein Vater meiner Mutter bei der Geburt. Anschließend wurde ich in einen mit heißen Ziegelsteinen erwärmten Wäschekorb gelegt und mit meinem Bruder an der Hand trug mich mein Vater in den Luftschutzbunker. Unsere Mutter war zu schwach für diesen Weg und blieb allein in der Wohnung zurück.

Anfang April verließen wir Brünn. Über Prag fuhren wir viele Tage in überfüllten Zügen nach Zinnwald zu unseren Großeltern, die dorthin evakuiert worden waren.

Da sich das Haus, in dem wir nun wohnten, noch auf der tschechischen Seite befand, durften wir als Deutsche auch dort nicht bleiben. In einem mühseligem Fußmarsch erreichten unsere Eltern und Großeltern mit mir, dem drei Monate altem Baby im Kinderwagen und meinem vier Jahre altem Bruder Dresden. Aber auch dort gab es keine Bleibe für uns.

Nach einer dreitägigen Zugfahrt, zeitweise in offenen Viehwagen, kamen wir in Sagan in Schlesien an. Von dort aus ging es zu Fuß wieder zurück in die Heimatstadt meiner Mutter nach Hirschberg. Bald darauf gehörte Hirschberg zu Polen. Um der drohenden Zwangsevakuierung im Winter zu entgehen, wanderten unsere Eltern mit mir und meinem Bruder Anfang Oktober 1945 nach Görlitz. 

So verlor meine Familie letztendlich ihre Heimat.

Von Görlitz aus fuhren wir mit dem Zug nach Leipzig. Eine Schwester meiner Oma gab uns ein Zimmer, in dem wir wohnen konnten .

Mein Vater verließ uns und ging mit einer anderen Frau.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Mutter, das wir führten, nachdem wir verwahrloste Obdachlose in Berlin gesehen hatten. Ich fragte sie, wie es möglich sein kann zu leben, ohne eine Wohnung zu haben, ohne die Möglichkeit sich und seine Wäsche zu waschen. Sie erklärte mir, auf die Zeit der Flucht zurückblickend, dass es einen Punkt des Erträglichen gibt. Wenn dieser überschritten ist, nimmt man alles auf sich: Hunger, Schmutz, Läuse, Wanzen und vieles mehr, ohne darüber zu klagen.

Auf ihren Antrag zur Entschädigung als Vertriebene schrieb meine Mutter nach einer sachlichen Auflistung des Fluchtweges noch diesen Nachsatz:

„Meine so kleine Tochter hat auf diesen Fluchtwegen viel durchmachen müssen und ich bin noch heute froh, dass sie das überlebt hat.“

In Calbe an der Saale fand meine Mutter Aufnahme als Erzieherin in einem Kinderheim. Es war ein Heim für Mädchen, die der Krieg zu Waisen gemacht hatte. Ich erinnere mich z.B. an Romanda, die auf einem Bahnhof mit einem Schild um den Hals gefunden wurde. Auf dem Schild stand ihr Name und eine Bitte „ Kümmert euch um mein Kind“.

Fünf Jahre wohnten meine Mutter, mein Bruder und ich in einem kleinen Zimmer in diesem Kinderheim. Unsere Mutter war rund um die Uhr im Dienst und oft brachten uns die größeren Heimmädchen ins Bett. Später sagte sie uns, dass sie froh war, uns wenigstens bei sich haben zu können und dass sie bei all dem keine große Wahl gehabt hatte.

Während all unsere Verwandten in die Westzone evakuiert worden waren, folgten für uns drei Jahre in Schönebeck/Salzelmen. Wir wohnten wieder in einem Kinderheim, hatten aber drei Zimmer für uns. In Wernigerode, wo ich vier Jahre zur Schule ging, wohnten wir dann in einer Baracke auf dem Gelände des Kinderheimes. Das neunte Schuljahr besuchte ich in Ballenstedt/ Harz und die zehnte  Klasse schloss ich in Wolfersdorf in Thüringen ab.

Anschließend besuchte ich in Bernburg zwei Jahre lang die Schule für Kindergärtnerinnen.

Wieder zurück, zog ich bis zu meiner Heirat mit meiner Mutter nach Gera in die erste Wohnung, die keine Dienstwohnung war.

Nun sitze ich hier am Bett meines Bruders und ihn bewegt die Frage, was aus uns, aus unserer Familie geworden wäre, wenn wir in unserer Heimat hätten bleiben können:

Wir wären ohne den Makel „Flüchtling“ zu sein aufgewachsen.

Wir hätten mit unseren Großeltern und Verwandten aufwachsen können. 

In der Schule wären wir Kinder unter Gleichen gewesen.

Unsere Mutter hätte nicht alle Verantwortung allein tragen müssen.

Wir hätten eine Heimat gehabt.

 

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Anmerkungen:

  • Hirschberg im Riesengebirge ist Jelenia Góra und liegt in Polen
  • Brünn ist Brno und ist nach Prag die zweitgrößte Stadt in Tschechien
  • Am 31. Mai 1945 begann der sogenannte Brünner Totenmarsch, bei welchem rund 27.000 deutschsprachige Menschen, vor allem Kinder, Frauen und Alte vertrieben. Sehr, sehr viele starben – die meisten durch Entkräftung, Hunger, Durst und Typhus, einige wurden wohl erschossen.
  • Hier schrieb ich über meine Mutter: Liebe Mama!
  • Und hier ein Text zu Flüchtlingen: Hinter uns mein Land!
  • auf dem Beitragsbild sind meine Mutter und die Große zu sehen.

 

                                                              

 


5 Gedanken zu “Flucht und Vertreibung 1945

  1. Auch meine Familie kommt aus Schlesien und wurde vertrieben. Leider wurde die Erinnerung sehr kühl oder gar nicht vorgenommen.
    Die momentanen Geflohenen erinnern mich auch daran, und ich bin auch selbst akut von Verlust eines Zuhauses betroffen, da Vermieter seit einigen Jahren unerträgliches Verhalten zeigt. (Nach sehr, sehr langer Mietdauer und keinen Ausfällen).
    Ich plane, ein Buch zu schreiben, in dem ich diese Stränge verbinde, bin aber noch nicht sehr weit.

    Gefällt 1 Person

  2. Der Text hat mich tief bewegt und ich bedanke mich dafür!
    Mein Vater kam auch aus Hirschberg und ich habe mit meiner jungen Familie den Ort einmal besucht von einem Urlaub in Harrachov aus. Vermeintlich fuhren wir durch ein rumpeliges Bachbett, aber es war die Hauptstraße. Der Ort kam mir sehr finster vor. – Meine Großmutter floh von dort mit vier kleinen Kindern gegen Kriegsende. Der Großvater war in Gefangenschaft in Russland.
    Diese Geschehnisse wirken weiter.
    Anteilnehmende Grüße von Sonja

    Gefällt 2 Personen

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