Das böse Heute

oder Früher war alles besser

Schon des Öfteren ist es mir jetzt über den Weg gelaufen hier in den Beiträgen und Kommentaren: Das Betrauern des Vergangenen und das Verteufeln des Jetzt.

Auf eine Art kann ich es durchaus nachempfinden, denn auch mir erscheint manches fremd, was heute ganz normal zu sein scheint.

In mir ploppen dann solche Sachen auf, wie

  • Warum werfen die einfach ihren Müll überall hin?
  • Warum ist die Musik so eintönig, die im Radio läuft?
  • Wieso muss Kunst irgendwie immer öfter mit Ausscheidung, Sex oder sonstigem zu tun haben?
  • Wieso sind Wörter wie Scheiße inzwischen völlig normal?
  • U.s.w.

Da könnte ich mich so richtig reinsteigern, wenn ich wollte. Zum Glück erinnere ich mich relativ gut an die Gefühle meiner Kindheit und Jugend und sofort höre ich die Stimmen meiner Mutter und meiner Oma im Ohr und fühle, was ich damals fühlte. Was sie sagten war dies:

  • Warum ziehen alle kaputte Klamotten an?
  • Das ist doch keine Musik, dass sind nur gesprochene Wörter aneinander gereiht.
  • Der kennt ja noch nicht mal den Unterschied zwischen Monet und Manet, der hat keine Ahnung von Kunst!
  • Warum benutzen alle das Wort geil so normal?
  • U.s.w.

Ich fühlte mich unverstanden und fragte mich, woher sie das Recht nehmen, über mich und meine Zeit zu urteilen. Und spätestens jetzt halte ich ein im Rumschimpfen über die heutige Zeit. Und zoome raus!

Zoome ich rein, sehe ich nur den Mikrokosmos meines Lebens. Meine Jugendzeit ist vorbei und ich hab sie neben all dem Mist, der da war, doch als zu mir gehörend erlebt. Wir haben gegen Atomkraftwerke demonstriert, in besetzten Häusern geschlafen, am See haben wir geeimert und im Park billigen Alkohol getrunken. Wir haben Helge Schneider und Jazz gehört, schlapprige Cordhosen getragen und Zigarren geraucht. Am offenen Gasofen, der die einzige Wärmequelle war, haben wir um einen Computer gescharrt ewig gewartet, bis wir endlich in diesem Internet waren. Wir haben die lustigsten Sachen erlebt, wenn wir uns verpasst, verlaufen oder sonst was hatten, da es noch keine Handys gab.

In dieser Welt kannte ich mich aus. Ich wusste, was cool war, was galt und welche Träume und Ängste wir hatten. Irgendwie, beinah unbemerkt, hat sich die Welt verändert.

Zoome ich raus, kann ich bei den zwei Generationen vor mir halt machen und erkennen, meine Welt war ihnen fremd und hat ihnen vielleicht auch Angst gemacht. Meine Oma hat zwei Kriege miterlebt und war auf der Flucht. Meine Mutter ist in die letzten Tage des zweiten Weltkriegs geboren, hat die Gründung und Fall der DDR und die wilden 60er und 70er miterlebt.

Zoome ich noch weiter raus, lande ich in anderen Jahrhunderten. Sicher hatten die Menschen Angst und Vorbehalte, als sie zum ersten Mal Zug gefahren sind, als Leute auf zwei Rädern durch die Gegend fuhren und als die ersten Bücher gedruckt wurden. Immer wurde doch beschrien, dass die Jugend verroht und verflacht und das alte Werte den Bach runtergehen.

Überraschung: das Alte vergeht und das Neue kommt! Immer wieder und wieder!

Und die jetzt völlig In sind, werden in 30 Jahren über ihre Kinder und Enkel stöhnen.

Ich hab dieses Urteilen so satt!!!!

Das beste Heilmittel gegen Urteilen ist Neugier. Ich wünschte mir, dass die Menschen neugierig sind auf das, was gerade geschieht, auf das, was sie nicht kennen.

  • Warum ist es so, wie es ist?
  • Wie ist es für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Es gibt so vieles, das wirklich und ganz objektiv nicht hinhaut in dieser Welt, sollten wir uns nicht lieber darüber aufregen oder besser, etwas dagegen tun?!

Keiner greift euch an, weil Ihr Bücher für wertvoller haltet als, ja was eigentliche?

Ihr sagt, die Kunst wird nicht richtig geschätzt, aber wann bitte wurde sie das denn?

Es fänden keine wirklichen Begegnungen mehr statt – woher wollt ihr etwas über die Begegnung von anderen wissen?

Diese Bitterkeit, dieses ewig gestrige, wo führt das denn hin? Macht das die Welt lebenswerter?

Von einander lernen, in beide Richtungen! Neugierig bleiben, sich treu bleiben und dabei die Vielfalt feiern und noch nie war die Welt so vielfältig wie heute!

So viel Gutes ist entstanden: wollt ihr wirklich das frühere Frauenbild zurück? Männer können Frauen werden und umgekehrt, gleichgeschlechtliche Paare dürfen Kinder haben und heiraten oder man kann alleine leben und keine Kinder haben oder doch oder ganz anders. Man muss nicht Schuster werden, nur weil der Vater Schuster war, es ist möglich von überall auf der Welt zu arbeiten, sich überall ausbilden zu lassen, frei eine Schule zu wählen.

Diese Liste könnte man beliebig fortführen und sie wäre garantiert länger als eure Liste!

Euch sind Werte wichtig, da gehe ich voll mit, aber habt ihr mal geschaut, ob diese Werte nicht doch auch jetzt da sind, nur gewandelt? Und wenn nicht, dann wäre es vielleicht schön, ihr teilt eure Einsichten mit der Welt aber in positiver Art und Weise .

Vielleicht sollte ich ein Interviewreihe starten zu diesen Themen….

Hättet ihr Fragen an die Jugend oder Fragen an die Alten?

So, ich hör jetzt mit Schimpfen auf und genieße die Vielfalt Berlins!

(Quelle Beitragsbild)


9 Gedanken zu “Das böse Heute

  1. Ich ertappe mich auch regelmäßig beim innerlichen Kopfschütteln über „die jungen Leute“, in meinem Fall sind es meist „die Studenten von heute“. Aber dann merke ich doch auch immer wieder, dass es nicht „die jungen Leute“ sind, deren Verhalten mich irritiert sondern einzelne Menschen, und dass das selten tatsächlich mit dem Alter zu tun hat.

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  2. Stimmt schon, was du schreibst. Veränderung ist normal und wichtig, sonst gäbe es keine Entwicklung. Manchmal sind die Fortschritte nicht richtig und oft werden sie einfach unbedacht in den Alltag eingebaut. Wer sich permanent mit älteren und jüngeren Menschen beschäftigt, wird selten vom Neuen überfordert, aber dafür muss jeder sein kleines Glashaus verlassen 😉

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