Tagebuch vom lauten Grund #1

Erster Dienstag

Liebes Tagebuch!

Abschiede und Abreisen vertrage ich am Morgen besser als am Abend. Es scheint einfacher, sich auf den Weg zu machen, wenn die Sonne aufgeht. Wenn sie untergeht, nimmt sie oftmals meinen Frohmut mit sich mit.

Es ist merkwürdig und spannend zu beobachten, wie es sich in mir anfühlt, wenn ich Teil einer Gruppe bin. Bisher wurde ich hier zumeist als Teil einer Gruppe angesprochen und das entfacht widersprüchliche Emotionen in mir: ich will nicht auffallen, nichts Dummes sagen, nichts Tollpatschiges machen, ja nicht aus dem Rahmen der Gruppe fallen und ich will nicht untertauchen, nicht eins werden mit dem Kollektiv sondern individuell und einzigartig sein. „Geht das denn anderen auch so?“, frage ich mich, während ich in der Gruppe stehe.

Ich muss 30 Minuten auf den Termin bei der Ärztin warten und ertappe mich dabei, wie ich mich zu Beginn der Warterei automatisch ärgern möchte: „Was soll denn das! Ich hab doch einen Termin? Warum braucht die vor mir so lange? Wenn ich dran bin, muss es dann bestimmt ganz schnell gehen!“. Nun ist es ja nicht so, dass ich gleich noch Dutzend Termine hätte, die ich einhalten müsste – also entschließe ich mich, mich nicht zu ärgern. Und siehe da – auf einmal warte ich nicht mehr, sondern werde tätig, lese und schreibe. Als die Ärztin dann kommt, hätte ich fast gesagt: „Warten Sie bitte einen Augenblick, ich habe zu tun.“

Zwei Erkenntnisse nach einer 30 minütigen Wartezeit:

1. Es gibt immer noch Zeitungen, in denen steht, dass das Fräulein vom Servicecenter usw.. Das Fräulein!!!! Das hört sich für mich so altbacken an, so hängengeblieben. Wer sagt denn so was noch zu einer erwachsenen Frau ?

2. Es gibt anscheinen mehrere Zeitschriften, die sich mit dem vermeintlichen Leben der Adligen dieser Welt beschäftigen. Ich sah „Adel privat“, „Adel exklusiv“ und „Adel akt?“ (mehr konnte ich nicht lesen, aber ich denke, es sollte aktiv heißen, ich war zu faul, im nachzuschauen). Ich hoffe, die Adligen dieser Welt haben sich dazu entschiednen, diese Zeitschriften nicht zu lesen. Wenn jemand so über mich schreiben würde, wäre es mir ein Graus! Der reinste Gossip. Vielleicht sind diese Zeitungen ja das YouTube oder Instagram der älteren Generation. Aber zumindest in meiner Blase können die Menschen selbst bestimmen, was sie zeigen wollen und was nicht und die Bilder mit eigenen Kommentaren versehen. Das ist menschlich einfach so grottig!

Ich sitze bei der Ärztin und habe Angst, dass meine Beschwerden nicht schwer genug sind. Habe Angst, als Hochstapler entlarvt zu werden, als jemand, der hier gar nicht hergehört. Aber schon das Extreme des Gefühls der Dankbarkeit, schon allein der Moment auf dem Balkon meines Zimmers, zeigt mir, wie erschöpft ich eigentlich bin und wie anstrengend die letzte Zeit war und dass die Schmerzen, nur weil ich mich an sie gewöhnt habe, dennoch nicht normal und unabwendbar sind.

Ich habe mich entschieden, mir ein abgespecktes Schweigegelübde aufzuerlegen. Ich rede nicht von mir aus und spreche eigeninitiativ keinen an. Ich reagiere auf Ansprache freundlich und betreibe da, wo nötig Smalltalk. Ausnahme davon sind natürlich alle Ärzte, Therapeuten und das Servicepersonal. Mal schauen, wie lange ich das durchhalte. Zweierlei fällt mir schon jetzt dabei auf: meine Gedanken werden umso lauter, desto länger ich schweige und als stiller Zuhörer erfahre ich sehr viel über meine Mitmenschen.

Das Größte des heutigen Tages für mich: ich muss nichts organisieren, mich um nix kümmern, einfach nur zur richtigen Zeit nach Plan mit den richtigen Klamotten an am richtigen Ort sein. Das klappt bisher und ist sehr entspannt. Mal schauen, wie lange ich das gut finde. Als ich mir heute die Bibliothek anschaute, dachte ich schon gleich: „Die Bücher sind aber unorganisiert aufgestellt, da wüsste ich ein System mit dem das besser ginge.“. Nun ja, ich genieße mal lieber noch das betuttelt werden!

Heute

6:30 Abfahrt mit dem Bus in Berlin

11:20 Ankunft in der Reha

Zimmerbelegung

Infos bei der Zentralstation holen

Pause – Auspacken

13:00 Mittagessen

Pause – weiter auspacken, das Puzzle beginnen, ruhen

15:00 Einweisung in das Restaurant und die Abläufe dort

15:30 warten auf die Ärztin

16:00 Aufnahmetermin

Pause – telefonieren mit dem liebsten Mitbewohner

17:30 Abendessen

Pause – puzzeln, Musik machen

19:00 in der Eingangshalle herumschauen

19:15 Therapieplan abholen und dann verloren im Haus herumtappen

Pause – morgigen Tag planen, musizieren, Blog schreiben, Film schauen


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