Demokratische Teilhabe in der Kita II

Heute möchte ich über den Umgang mit Streitereien unter dem Aspekt der Teilhabe berichten.

Ausgangssituation war diese: Zwei oder mehrere Kinder streiten sich, eines der Kinder oder ein aussenstehendes kommt zur Erzieherin und erzählt davon, Erzieherin greift ein und beendet den Streit, am ende entschuldigen sich alle und es geht weiter.

Folgendes haben wir geändert: Wir greifen nur ein, wenn wir ein Kind schützen müssen. Ist die Streitsituation nicht derart extrem, lassen wir sie von den Kindern selbst klären oder geben Ratschläge, wenn wir gefragt werden.

Neulich gab es folgende Situation während des Tages:  Mehrere Kinder spielten Hunde, die ein Frauchen (Susan) hatten. Lara befand sich in der Nähe des Spielortes und verkleidete sich mit Tüchern. Als die Hunde mit ihrem Frauchen zum Flugzeug gehen mussten, da das bald loslegen wollte, kam Lara hinterher und tat, als würde sie dazu gehören.

Susan sagte daraufhin: Lara, du spielst nicht mit.

Lara: Doch, jeder darf mit spielen!

Susan: Bei diesem Spiel bestimme ich und du darfst nicht mitspielen!

Lara: Doch!

Susan: Nein!

„Doch“ und „Nein“ gingen dann eine Weile hin und her und es war klar, dass der Streit festgefahren war. Währenddessen hatten die Hunde bemerkt, dass die Truhe, die als Flugzeug diente zu klein für alle waren und machen das lauthals kund.

Susan: Du kannst nicht mitspielen, wir haben nicht genug Platz!

Das Argument saß und Lara hielt hilfesuchend nach mir Ausschau. Da auch die anderen Kinder keine Idee zur Verbesserung der Platzsituation hatten, ging ich hin und machte sie auf die zweite Truhe aufmerksam, die wir haben. Das nutzte Lara als Chance und sagte zu mir: Susan läßt mich nicht mitspielen.

Ich antwortete: Ich habe gehört, dass Susan hier beim Spiel bestimmt und wenn sie bestimmt, dass du nicht mitspielen kannst, dann kann ich da auch nichts machen.

Damit anerkenne ich die Regeln der Kinder unter sich. Denn es hat sich keiner der anderen beschwert, dass Susan die Chefin ist.

Lara: Ich will aber mitspielen.

Ich: Was sagen denn die anderen dazu? Ist es für die Ok, wenn du mitspielst?

Alle anderen: Mir egal. Ist Ok. Von mir aus. Sie kann gerne mitspielen.

Ich: Oh, schau mal Susan, für die anderen wäre das in Ordnung. Was ist denn der Grund, warum du Lara nicht mitspielen lassen willst?

Susan: Sie spielt nie das, was man gerade spielt und hält sich nicht an die Regeln.

Ich: Und wenn sie verspricht, sich an die Regeln zu halten, könnte sie dann mitspielen.

Susan stimmt dem etwas unwillig aber dennoch zu. Als ich Lara fragte, ob sie die Regeln anerkennt, z.B. auch die, dass Susan, der Chef ist, stimmte sie dem auch zu. Die anderen hatten inzwischen die zweite ruhe heran gezerrt und ich zog mich wieder zurück. Sowohl Susan als auch Lara verharrten noch eine Weile mit grimmigen Gesichtern auf ihren Plätzen. Dann ging Lara zu Emma begann zu spielen: Hündchen, schau mal, ich bin die Schönste, siehst du, die Schönste.

Susan beobachtete das genau und man merkte, wie sie innerlich anschwoll bis es herausplatzte: Lara, das spielen wir nicht. Wir spielen nicht Schönste sondern Hunde. Keiner ist hier die Schönste.

Lara daraufhin ganz beflissen: Ok, dann bin ich … kurzes Nachdenken …  Cousine. Ok? Ich bin deine Cousine!

Susan fühlt sich in der Rolle als Chef ernst genommen und stimmt dem zu. Sie gehen zum Flugzeug und Lara verkündet laut: Hallo Hündchen! Ich bin die Cousine!

Ich bin erst in dem Moment dazu gekommen, als die Situation festgefahren war und habe mich bemüht nur als „Übersetzerin“ tätig zu werden. Letzendlich gelöst haben die Kinder die Situation allein und dadurch wieder unbewußt Informationen gesammelt.

Ansonsten verfahre ich nach ähnlichem Muster bei allen Situationen. Kommt ein Kind und sagt: So und so hat mich geärgert, hat das und das gemacht / gesagt; frage ich: Und was hast du dann gemacht / gesagt? Und dann wieder: Und was hast er dann gesagt / gemacht? Und so weiter. Entweder das Kind geht dann irgendwann weg, weil sich der Ärger gelegt hat oder ich habe einen Vorschlag, wie z.B. : Dann sag ihm, dass du das nicht magst. oder: dann bekomm doch mal raus, warum ihn das so wütend macht etc. und es geht den ausprobieren. Ganz selten gehe ich hin und reguliere. Immer seltener kommen die Kinder und fragen. Sie haben nach und nach ein Repertoire aus Verhaltensweisen angelegt für diese Situationen, dass sie mehr oder weniger vielfältig und geschickt anwenden können.

Meiner Erfahrung nach haben wir Erwachsenen oftmals eine andere Wahrnehmung von solchen Situationen als die Kinder. Was uns wichtig ist zu vermitteln, interessiert sie oftmals nicht und ihnen sind Sachen wichtig, die für uns banal scheinen. Daher denke ich, es ist wichtig bei Streitvermittlung erstmal nur mit dem zu arbeiten, was da ist und was die Kinder vorgeben. Also viel offenes und interessiertes Nachfragen und die eigne Lösung hintenan stellen. Wenn es keine anderen Angebote gibt, dann kann man die eigene Lösung präsentieren aber mit dem Vorwort: Also ich würde das so machen… könnt ihr ja überlegen, ob das für euch passt….

Es ist toll, zu erleben, wenn die Kinder nach und nach immer mehr selbst regeln und lösen können!