Anreise – Jerusalem / Israel

Meine Reise nach Israel kam gleich mit zwei „Ersten-Malen“ in meinem Erwachsenenleben daher.

Mit zehn Jahren ging es für mich schon einmal allein auf Reisen und zwar nach Paris. Das war katastrophal, weil ich viel zu jung war und nicht wirklich aus eigenem Entschluss auf diese Reise ging. Dieses Mal waren die Voraussetzung ganz andere. Ich will schon seit ich 15 bin nach Israel und wenn es auch etwas unverhofft dazu kam, so freute ich mich doch sehr diese Reiseerfahrung allein erleben zu können.

Als Kleinkind lebte ich durch die Arbeit meines Vaters in Mosambique, war aber seitdem bei meinen Reisen nicht mehr über die Grenzen Europas hinausgekommen. Nun war es aber so weit und ich war dabei, den unsichtbaren Bannkreis zu durchbrechen.

An einem Dienstag ging es los und mit meinem Rucksack bepackt machte ich mich halb fünf morgens auf zum Flughafen Schönefeld.

Durch die Sicherheitskontrollen ging es schnell und routiniert und nachdem ich meine Wasserflasche aufgefüllt und mir einen Kaffee gekauft hatte, machte ich mich auf zum Gate.

Hier gab es dann eine Passkontrolle, die sonst ja nicht üblich ist und durch die durfte ich auch erst, als ich meine Flüssigkeiten in mich hinein gegossen hatte. Denn nach der Passkontrolle gab es einen weiteren Sicherheitscheck, bei dem keine Flüssigkeiten mitgeführt werden durften. Dahinter war dann der Warteraum und als das Boarding abgeschlossen war, ging es ins Flugzeug. Der Flug war nicht ausgebucht und so gab es eine ganze Weile ein wildes Platztauschspiel, bis die FlugbegleiterInnen sich durchsetzten und es losgehen konnte. Der Zufallgenerator von EasyJet hatte mir einen Fensterplatz zukommen lassen und so durfte ich einen wunderschönen Sonnenaufgang beobachten.

Der Flug nach Tel Aviv von Berlin aus dauert etwas mehr als vier Stunden und ich verbrachte die Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen, Serie zu schauen und zu schlafen.

Um halb eins Ortszeit – in Israel ist plus eine Stunde Zeitunterschied zu Deutschland – landeten wir sehr geschmeidig trotz Windböen in Tel Aviv.

Ich ging zur Passkontrolle und stellte mich in einer der vier Reihen an. Die vierte Reihe löste sich dann plötzlich auf, weil doch niemand in dem Kontrollhäuschen saß und stellte sich eine Reihe weiter an. Als da dann nach kurzer Zeit der Kontrollmensch einfach ging, war die Irritation gross und es gab weiteres Reihen-Hopping. Mein Lächeln darüber erfreute anscheinend die zwei buddhistisch aussehenden Mönche hinter mir, denn sie sprachen mich an und wir kamen ins Gespräch. Währenddessen fielen einer Frau in der Reihe neben uns lauter kleine Teile herunter. Als ich mich bückte, um ihr beim Aufheben zu helfen, rutschte sie direkt hinterher auf den Boden und saß dann da und sah gar nicht gut aus. Es stellte sich dann heraus, dass sie Deutsche war und Diabetikerin. Sie wollte sich den Blutzucker messen und braucht dafür eines dieser Teile, die nun zigfach auf dem Boden verteilt lagen. Während wir diese Dinger aufsammelten, fragte ich sie, ob sie Hilfe brauche, was sie verneinte und meinte, dass ginge ihr immer so, wenn sie nach Israel fliege – es sei alles gut mit ihr. Das ist so merkwürdig und schwer für mich damit um zu gehen, wenn es jemanden offensichtlich nicht gut geht und er sagt: nein, nein, alles gut.

Als wir alle Teile aufgesammelt hatten, half ich ihr mit Unterstützung des englischen Ehepaares hinter ihr wieder auf die Beine. Den Engländern erklärte ich dann die Situation, da sie ziemlich besorgt waren. Als die Frau immer wieder zu taumeln begann und so auch Richtung Kontrollschalter zutaumelte, sprach der Mann einen Sicherheitsmenschen an und diese nahm die Frau dann mit… was weiter mit ihr geschah weiss ich nicht und ich dachte auch ab da nicht mehr drüber nach, da ich dran war mit der Kontrolle und dann ziemlich verpeilt dort stand und die Fragen nur stotternd beantworten konnte. Es wird ein kurzes Interview geführt, damit eine Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt werden kann. Bei mir kamen Fragen wie: Sind Sie das erste Mal in Israel? Wo werden Sie wohnen? Ist das eine Urlaubsreise?. Mir wurde aber gesagt, dass da eher auf die Art und Weise, wie man reagiert und antwortet, denn auf die Antworten an sich geachtet wird. Ich stand jedenfalls ein bisschen länger da als die anderen, aber durfte dann doch durch.

Und dann war ich da! In Israel bei sommerlichen Temperaturen zwischen Palmen. Ich ging erst einmal vor den Flughafen und setzte mich hin und war glücklich.

Dann hob ich Geld ab und entschied mich, mit dem Zug nach Jerusalem zu fahren. Es ist alles sehr gut ausgeschildert beim Flughafen, nur das Bedienen des Geld- und Ticketautomaten war erstmal schwierig, da das Schriftbild so anders und fremd für mich war und ich schon lange brauchte, um erstmal rauszukriegen, wo man die Sprache ändern kann. So wurde alles etwas knapp – der Zug fährt nur alle halbe Stunde – aber gerade rechtzeitig noch hüpfte ich in den Zug hinein.

Eine knappe halbe Stunde fuhr ich nun durch Israel und saß letztendlich die ganze Zeit über da, schaute aus dem Fenster und schwelgte im Glück.

Als ich in Jerusalem, genauer bei der Station Yitzchak Navon ankam, musste ich ewig Rolltreppe fahren, um wieder an die Oberfläche zu kommen. Und dann war ich drin – mitten im Getümmel. Ich hatte vor einiger Zeit die Serie Shtisel geschaut und genau so, wie dort, sah es nun aus. Ich fühlte mich direkt in die Serie reinversetzt.

Nun galt es ein Ticket für die Tram zu ziehen. Es gibt in Jerusalem nur diese eine Linie, vier weitere sind aber in Planung. Am Fahrkartenautomaten wurde ich durch das ganze Prozedere von einer älteren Israelin geführt, die mir dann auch im weiteren groß und breit erläuterte, wie das Fahrkartensystem in Jerusalem funktioniert. Schließlich kam die Tram und ich entwertete meinen Fahrschein und verbrachte die Fahrt damit aus dem Fenster zu schauen und dabei leise die Stationsnamen, die angesagt wurden, vor mich hin zu murmeln, um ein Gefühl für das Hebräische zu bekommen. Überall sah ich Männer und Frauen mit Gewehren stehen, was hier eben völlig zum Straßenbild gehört, für mich aber bis zum Schluss sehr merkwürdig war. Auch zum selbstverständlichen Straßenbild gehören die orthodoxen Juden mit ihrem dunklen, langen Mantel, ihrem Hut, den Ringellocken und der Plastiktüte in der Hand. Ihr Erscheinungsbild strahlte sehr viel Ruhe auf mich aus.

An „meiner“ Station angekommen, irrte ich erstmal etwas herum und fand dann aber den Weg zu meiner Gastfamilie.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit ihnen, spielte mit den Kindern, quatschte mit der Gastgeberin, ging mit auf den nahegelegenen Spielplatz und kam erstmal an.

Ich wohnte in Ostjerusalem, welches seit 1948 von Jordanien besetzt war und 1967 im Sechstagekrieg von Israel erobert wurde. Während für Israel Ostjerusalem zum vereinigten Jerusalem gehört, werden die im Ostteil lebenden Palästinenser jedoch nicht als Bürger anerkannt, sondern sind nur sogenannte Residenten. Damit geht ein Fehlen von politischen Rechten einher – sie dürfen nicht an Parlamentswahlen teilnehmen und der Status kann ihnen jederzeit entzogen werden und zwar dann, wenn nicht nachgewiesen werden kann, dass man dauerhaft in Jerusalem lebt.

Überall sieht man Baulöcher, die vom Abriss palästinensischer Häuser stammen. Diese Häuser wurden zu einer Zeit errichtet, als es noch keine Baugenehmigung gab. Dies nehmen die Israelis als Grund, sie abzureißen und damit nehmen sie eben auch den Palästinensern die Wohnung und den Aufenthalt.

Jeden Freitag findet sich eine sehr kleine Gruppe zusammen und demonstriert gegen diese Art der Okkupation.

So bekam ich durch diese Erzählungen meiner Gastgeberin und durch die Eindrücke vom Strassenleben gleich einen ersten Eindruck von der Zerrissenheit, aber auch von der Vielfalt Jerusalems.

Ich schlief sehr glücklich und erfüllt ein und wachte gegen halb vier durch den Ruf des Muezzin auf, dem ich dann bis zum Schluss lauschte, bevor ich wieder einschlief.


2 Gedanken zu “Anreise – Jerusalem / Israel

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