Tag 1 – Jerusalem

Ich stand früh auf, da ich die Kinder mit zur Preschool bringen und mir dort alles zeigen lassen wollte. Direkt nach dem Aufstehen über die Stadt schauen zu können, erfüllte mich schon am Morgen mit Glück.

Im Auto freute ich mich sehr über die Datums- und Temperaturanzeige: so warmes Wetter habe ich sehr selten an meinem Geburtstag.

Die Kita liegt im Westteil Jerusalems und ist christlich geprägt. Es wird hier nach dem englischen System gearbeitet, was bedeutet, dass eigentlich nur in der Nursery ein Kindergartenleben stattfindet, wie wir es hier in Deutschland kennen. Kinder über drei Jahren haben dann schon einen sehr klar aufgeteilten Tag mit Schulstunden und Hausaufgaben und relativ wenig bis gar keine Freispielzeit. Es wirkte aber alles sehr angenehm und offen in dieser Einrichtung und als ich mir alles angesehen hatte, setzte mich meine Gastgeberin am Mahane Yehuda Market ab.

Hier wurde gerade noch ob der frühen Uhrzeit aufgebaut und ich fühlte mich auch kurz völlig überwältigt davon, dass ich jetzt wirklich mit einem ganzen leeren Tag vor mir allein mitten in Jerusalem stehe. Also suchte ich mir eine einigermaßen ruhige Straßenecke und sortierte mich erstmal.

Dann lief ich alle Eindrücke in mich aufsaugend die Agripas Street bis zur City Hall entlang und setzte mich dort auf die Treppen und aß einen Snack zum Frühstück. Anschließend wechselte ich den Platz noch einmal auf eine Bank in einem nahegelegenen Grünstreifen und plante, wie es weitergehen sollte.

Ich lief zur Altstadt und betrat sie durch das New Gate. Die Altstadt ist vollständig von 4000 m Stadtmauer umgeben, welche man durch sechs Tore betreten kann – das Damaskustor und das Löwentor im muslimischen Viertel, das Neue Tor und das Jaffator im christlichen Viertel, das Dungtor an der Klagemauer und das Zionstor im armenischen Viertel.

Ich lief also etwas durch das christliche Viertel und spürte sogleich das Alte der Altstadt – kleine verwinkelte Gassen schlängeln sich hierhin und dorthin. Mein Ziel war die Grabeskirche, die bei den Erzählungen im Reiseführer so spannend erschien, sollten es doch eigentlich 32 Kirchen, Kapellen und Altäre auf verschiedenen Ebenen sein und dazu noch ein äthiopisches Dorf auf dem Dach – das musste ich mit eigenen Augen sehen.

Durch eine kleine Gasse kam ich auf den Vorplatz der Kirche. Ich war extra früh hier, da es wohl im Verlauf des Tages richtig voll werden sollte.

Als ich die Kirche betrat, bog ich intuitiv erstmal gleich links ab und erklomm die steile Treppe. Auf dem Torbogen über der Treppe stand Golgatha und da wurde mir erst wirklich klar, wo ich hier bin. Etwas ehrfürchtig ging ich nach oben und staunte über alles, was ich sah.

So ging ich dann auch weiter durch die Kirche, mal hierhin, mal dorthin, nach oben, nach unten und staunte alles an. So richtig einen Überblick bekam ich nicht und alles war einfach nur viel, auch den Zugang zum äthiopischen Dorf fand ich nicht. Aber ich spürte so viel, das mag nun einer Einbildung nennen oder auch nicht, aber für mich fühlte sich der Ort sehr besonders und anziehend an.

Nach ein zwei Stunden bin ich dann wieder raus und setzte mich im muslimischen Viertel nebenan auf eine Bank und verarbeitete.

Dann lief ich durch das muslimische Viertel, was irgendwie aus einem Marktstand nach dem anderen besteht und ließ mich durch die Gassen treiben. Alles hörte sich so fremd an hier, roch so ungewohnt und intensiv, war bunt und laut – ein Fest der Sinne. Schließlich ließ ich mich zum Damaskustor treiben. Hier sollte auch der Ort der Altstadt sein, wo es hin und wieder zu Vorfällen kommen kann. Ende Mai diesen Jahres gab es hier zumindest einen Messerangriff. Das aufregendste bei mir waren die Transportwagen, die den Berg vom Damaskustor im Affentempo und laut hupend durch die Menschenmassen herunter polterte. Die Marktschreier taten ihr Bestes, um gehört zu werden und der ein oder andere hatte sich sogar auf Band aufgenommen und ließ ein Megaphon seine Arbeit tun.

Vor dem Damaskustor wandte ich mich dann nach links und ging außen an der Stadtmauer zum Jaffator. Auf dem Platz vor dem Tor saß ein Musikant und spielte fremdartige Melodien und von der Brücke aus hatte ich einen schönen Blick auf die Windmühle Montefiore, 1862 vor den Toren der Altstadt errichtet wurde.

Dann ging ich wie einst Kaiser Wilhelm II. durch das Jaffator und hatte sofort den Eindruck, dass es hier viel touristischer zugeht als im Rest der Altstadt.

Nachdem ich für mein körperliches Wohl in Form von einer Toilette – mit öffentlichen, kostenfreien Toiletten ist Jerusalem gut ausgestattet – und Essen – eine mit Salat gefüllte Pita – gesorgt hatte, kaufte ich mir direkt neben dem Jaffator ein Ticket für die Stadtmauer. Es gibt eine nördliche und eine südliche Route, da man aufgrund des Sperrgebiets um die Klagemauer und den Felsendom nicht die ganze Runde drehen kann. Die nördliche Route ist länger und hat vielfältigere Aus- bzw. Einblicke, das Ticket für beide Route ist aber in jedem Fall sehr günstig.

Ich begann mit der nördlichen Route und lief die Stadtmauer entlang, was auch das Bewältigen ziemlich steiler Treppen mit hohen Stufen beinhaltete. Zuerst lief ich so am christlichen Viertel entlang übers Neue Tor bis zum Damaskustor. Dort verweilte ich eine ziemliche Weile, da der Muezzin seinen Gebetsruf begann und das zusammen mit dem Ausblick auf die Altstadt und den Felsendom schon sehr beeindruckend war.

Nach dem Damaskustor begann dann das muslimische Viertel. Durch den Blick von oben auf die Altstadt begann ich nun auch langsam deren Geographie zu verstehen und langsam ergab das Wirrwarr einen Sinn. Auch zur anderen Seite waren die Ausblicke schön und interessant. Hinterm Löwentor dann war das Ende der Route und als ich unten angelangt war, stand ich mitten drin im muslimischen Viertel. Hier gab es kaum Stände und es wirkte viel weniger touristisch. Dafür zogen Jungenbanden durch die Straßen, die anscheinend gerade Schulende hatten, neckten die älteren Jungen und jungen Männer und wurden von diesen mit viel Geschimpfe vertrieben. Schließlich landete ich wieder im nun schon vertraut wirkenden Marktgetümmel und lief kreuz und quer die Straßen entlang. Hierbei wurde ich mehrmals angesprochen von den herumstehenden Händlern. Woher ich komme? Aus Berlin! Ah Berlin, toll! Du hast schöne Augen! Du bist sehr schön! Brauchst du Hilfe? Wenn du da und da hin gehst, ist es schön! Solche Sätze fielen da und obwohl ich darauf wartete, wann sie dazu kamen, mir etwas verkaufen zu wollen, geschah das nie. Sie waren immer sehr nett, schmeichelnd aber nie aufdringlich. Und gerade an meinem Geburtstag freute ich mich besonders über die Komplimente.

Ich schaute mir das Löwentor an und ging die Via Dolorosa, den Prozessionsweg durch die Altstadt, entlang. Dann landete ich im jüdischen Viertel und fühlte mich da sofort sehr wohl. Auf der Suche nach einer Mahlzeit kam ich an einen sehr angenehm wirkenden Ort und kaufte mir dort eine vegane Pita, die sehr, sehr lecker und ziemlich scharf war. Ich aß sie auf ein paar Stufen sitzend und um mich herum saßen Schulmädchen und verspeisten ihr Mittagessen. Auf der Straße waren viele Väter in orthodoxer Kleidung mit ihren kleinen Kindern unterwegs. Auch ältere Geschwisterkinder sah ich mit kleineren umhergehen. Es wirkte alles sehr friedlich und zugleich lebendig.

Von hier aus ging ich zurück zum Jaffator. Auf dem Weg dahin wurde ich angesprochen von einem orthodoxen Juden, der nach dem üblichen Woher kommst du? und Du bist schön! mich einlud eine Synagoge anzuschauen und zwar mit den Worten: Ich helfe dir und du hilfst mir! Das fand ich aber irgendwie so unangenehm bzw. fand ich den freien Eintritt zu allen religiösen Sehenswürdigkeiten bisher so gut, das ich verneinte. Nachdem ich das ein paar Mal tat, ließ er dann auch von mir ab und ich ging weiter.

Beim Jaffator angekommen suchte und fand ich dann den Eingang zur südlichen Route auf der Stadtmauer. Diese führt zu Beginn am armenischen Viertel entlang und offenbart außerhalb der Stadtmauern einen schönen Blick auf den armenischen Friedhof.

Beim Zionstor beginnt dann das jüdische Viertel und ich hatte einen wunderbaren Blick auf Felsendom auf der einen und Ölberg und Weite auf der anderen Seite.

Am Ende der Route gelangt man dann in wenigen Schritten zum Dungtor und zur Klagemauer. Direkt vor dem Eingang zur Klagemauer kann man links abbiegen und über einige Treppenstufen wieder ins jüdische Viertel gelangen. Das machte ich auch und wurde dabei von Klarinettenklängen und dem Scheppern der Almosenbitter begleitet.

Eigentlich wollte ich noch das armenische Viertel anschauen, war aber so voll mit Eindrücken und auch schon recht viel gelaufen, dass ich durch das jüdische Viertel schlendernd – inzwischen spielten hier an gefühlt jeder Ecke Kinder allen Alters mit Bällen – ins muslimische lief und dort durch das Damaskustor die Altstadt verließ.

Nun ging es eigentlich immer geradeaus wieder zurück zur Wohnung.

Da angekommen füllte diese sich rasch und plötzlich waren zwei weitere Kinder da, die mit ihren Müttern durch die Wohnung tollten und auf dem Boden herum kullerten und dann kam auch noch der Mann, das Baby und die Schwiegermutter der einen hinzu. Und so saß ich an meinem Geburtstag mit Menschen aus Korea, Deutschland und Norwegen in Israel am Tisch und wir quatschten auf Englisch über Kinder, Holocausmahnmale und noch dies und das. Ich fühlte mich reich beschenkt.

Als alle Gäste gegangen waren und die Kinder im Bett lagen, unterhielten wir uns bei einer Flasche Wein über Eltern und Kindheit und schließlich ging ich sehr erfüllt vom Tag und all den Begegnungen ins Bett. Das Fenster ließ ich diesmal geschlossen – Muezzingesänge hatte ich heute genug gehört.


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