Tag 2 – Jerusalem

Nach einer erholsamen Nacht wachte ich heute etwas später auf. Die Kinder waren schon in der Kita und die Gastgeber schon auf Arbeit bzw. am Arbeiten am Esstisch. Ich machte mich also fertig und aß eine Kleinigkeit und zog kurz nach neun los zur Tram. Ziel war der Mount Herzl, eine der Endstationen der Linie.

An diesem Morgen – oder vielleicht auch immer in Jerusalem – fiel mir die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft auf, mit der sich hier alle begegnen. Die Tram war sehr voll, aber sobald jemand einstieg, der irgendwie so aussah, als bräuchte er jetzt einen Platz zum Sitzen sprang immer sofort jemand auf. Durch die Enge kamen die Menschen auch oft nicht zum Ticketentwerter, gaben aber einfach ihre Fahrkarte an den Nachbarn und der wiederum weiter bis die Menschen am Gerät sie entwerteten und die Fahrkarte den Weg zurück zu ihrem Besitzer antrat. Während meiner Fahrzeit wurde ich zweimal kontrolliert. Es gab auch immer Menschen, die keine Fahrkarte hatten, aber diese wurden einfach gebeten auszusteigen und das war’s. Immer wieder entstanden Gespräche, meist zwischen Touristen und Einheimischen. Die Israeli sprachen munter die Touris an und als diese dann ausstiegen, redeten sie mit dem nächstbesten, der das Gespräch mitverfolgt hatte, weiter. Immer wieder dann auch die Armeemenschen mit Gewehr zwischen all den anderen und ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich das Gewehr anschaute und dachte: damit werden Menschen getötet und es hängt hier mitten zwischen uns…

Schließlich kam ich beim Mount Herzl an und genoss erstmal den Ausblick.

Von hier aus machte ich mich auf den kurzen Fußweg nach Yad Vashem, einer Gedenkstätte für den Holocaust. Diese Stätte ist ein komplexes Areal bestehend aus mehreren Mahnmalen und Ausstellungen und zudem findet hier auch Forschung und Weiterbildungmöglichkeiten ihren Ort.

Der Eintritt ist kostenfrei. Nachdem ich das Infocenter durchgequert und dort meinen Rucksack in der Garderobe abgegeben hatte, ging ich nicht gleich zum Hauptteil der Ausstellung, sondern bog in den Garten ab, um erstmal anzukommen. Und prompt landete ich beim Janusz Korczak Platz, der im Blog von mir hier schonmal als einer meiner “Helden” benannt wurde. Hier saß ich eine Weile und dachte über diesen Menschen nach und seine Hingabe an seinen Beruf und die Kinder, die in seiner Obhut standen.

Dann war ich soweit und ging in das Museum zur Geschichte des Holocaust. Die Ausstellungsräume liegen größtenteils unterirdisch. Das Gebäude ist in Form eines Keils gebaut und bohrt sich quasi durch den Berg, nur die oberste Kante schaut in Form eines Tageslichts aus dem Berg heraus. Von diesem Keil gehen rechts und links Räume ab, die man im Zickzack begehen kann. Sehr langsam und ausführlich wird die Geschichte von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg beginnend, erzählt und gezeigt. Ich habe noch nie eine so umfassende Ausstellung zu dem Thema gesehen und auch wenn ich vieles dazu weiß, hat mir die Art der Aufbereitung wieder einmal neue Eindrücke und Erkenntnisse verschafft.

Wirklich beeindruckend und sehr berührend und erschütternd fand ich die vielen Aufnahmen von Zeitzeugen und die Filmaufnahmen von Geschehnissen. Ich war mehrere Stunden nur in diesem Teil des Mahnmals unterwegs und war im Anschluss so voll mit Empfindungen und Gedanken, dass ich erstmal ne Weile nur da saß und auf die Landschaft schaute.

Ich ging dann im Restaurant im Untergeschoss des Info-Centers etwas essen und anschliessend durchstreifte ich den Garten. Dabei sah ich die Gedenkhalle…

… und die Kindergedenkstätte.

Man wird, wie in einen Tempel von aussen ins Tiefe und Dunkle geführt und dort erhellen fünf Kerzen den Raum. Da aber überall Spiegel sind, scheint es so, als sei man in einem Sternenhimmel. Eine Stimme nennt die Namen aller Kinder, die Gestorben sind und auch ihr Alter und den Ort und wechselt dabei zwischen Englisch, Hebräisch und Jiddisch. Es brauchte wohl drei Monate bis alle Namen einmal genannt werden.

Danach trank ich noch einen Kaffee, hatte eine kurze Begegnung mit einer Krähe und machte mich wieder auf den Weg zur Tram. Mit der ging es einmal durch die Stadt und dann zu Fuß zur Wohnung zurück.

Als mein Gastgeber von der Arbeit kam, verfrachteten wir uns alle fünf ins Auto und fuhren zum Mahane Yehuda Market. Diesen durchliefen wir einmal und fanden dann nahebei ein Restaurant, in das wir einkehrten. Da es, obwohl noch nicht mal sieben, überall schon sehr voll und belebt war, nahmen wir draussen und einer Wärmelampe Platz. Es gab Burger und Sandwich, Onionrings und Pommes. Mir schmeckte es sehr gut. Der Laden war koscher. Für mich als Veganerin besonders interessant ist dabei die Unterscheidung zwischen fleischigen und milchigen Speisen. Der gleichzeitige Verzehr von diesen beiden Lebensmittelgruppen ist beim koscheren Essen untersagt. Es wird sogar in getrennten Küchen oder zumindest mit völlig getrennten Kochutensilien gekocht. Dadurch kann ich bei vielen Gerichten durch das Weglassen des Fleisches ein veganes Mahl bekommen. In diesem Laden gab es aber sogar einige vegane Gerichte auf der Speisekarte. Ich fand es sehr schön mit der Familie mitten im Strassengeschehen zu sitzen und es fühlte sich schon wieder einmal alles sehr lebendig und gut an.

Auf dem Nachhauseweg wurde sich an einem der vielen Süßigkeitsständen mit Naschzeug eingedeckt. Zu Hause zog ich mich dann erfüllt von all den Eindrücken vom Tag früh in mein Zimmer zurück.


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