Achtung in der Erziehung

Ich arbeite als Erzieherin. Erziehung bzw. die Begegnung mit Kinder ist daher für mich ein elementar wichtiges Thema.
Zum ersten Mal hatte ich ein Kind mit 14 Jahren in meiner Obhut – meinen fast zweijährigen Neffen. Schnell bemerkte ich, dass beinah alles, was ich mache und sage, ja anscheinend auch, was ich denke Einfluss / Wirkung auf ihn hat.
Es besteht eine Abhängigkeit der Kleinsten unter uns zu den schon erwachsenen Menschen. Diese Abhängikeit findet sich überall zwischen Jungtieren und deren Eltern. Allein können die Kleinen nur selten überleben, sie brauchen die Großen zur Befriedigung ihrer elementaren Bedürfnisse. Dies ist der Grundton, der von Beginn an in der Beziehung zwischen Eltern und Kind und Erzieher und Kind liegt. Diese Tatsache gibt dem Erziehenden Macht. Mit Macht können die wenigsten Menschen gut umgehen, meiner Erfahrung nach. Bevor ein Kind riskiert, dass ihm seine körperliche Grundlage zum Leben genommen wird, ist es bereit einiges hinzunehmen. Es gleicht da dem Körper, der auch einiges erträgt, was so in ihn hereingestopft wird, bis er dann rebelliert und / oder vergißt, was ihm eigentlich gut tut.
Das, was nötig ist, ist, dass der Erwachsenedie Verantwortung übernimmt, die Macht aber freiwillig wieder in die Mitte des Kreises legt.

Beispiele dazu aus meinem Alltag:
In der Gruppe mit den Kindern unter 3 bemerkt die Erzieherin einen strengen Geruch. Reihum geht sie zu jedem Kind und schaut von hinten in die Windel. Als sie den Ursprung des Gestankes findet, schnappt sie sich dass Kind bzw. seinen Arm und nimmt es mit in den Wickelraum, während sie der Kollegin mitteilt, dass xy (schon wieder) die Windel voll hat und sie wickeln geht.

Achtungsvoller Umgang ist das nicht. Der sähe meiner Meinung nach so aus:
In der Gruppe mit den Kindern unter 3 bemerkt die Erzieherin einen strengen Geruch. Sie geht zu den einzelnen Kindern / Kindergruppen, hockt sich hin und fragt die Kinder, ob bei jemanden die Windel voll ist.
Variante 1: Ein Kind macht sich bemerkbar und sagt oder zeigt, dass es ihn betrifft.
Variante 2: Keiner meldet sich, aber die Erzieherin konnte erriechen, wen es betrifft. Sie geht zu besagtem Kind und teilt ihm mit, dass sie glaubt, es habe etwas in der Windel.
Variante 2.1.: Das Kind erspürt es nun doch auch.
Variante 2.2.: Das Kind verneint weiterhin. Die Erzieherin fragt, ob sie mal nachschauen dürfte.
Variante 2.2.1.: Das Kind sagt ja, Erzieherin schaut und hat Gewissheit.
Variante 2.2.2.: Das Kind verneint und Erzieherin zieht sich mit den Worten zurück: Vielleicht habe ich da einen Pups gerochen. Wenn du die Windel voll hast, dann sag mir bitte Bescheid, wir gehen sie dann sauber machen.
(liegt nicht eine Ausnahmesituation vor, wie z.B. die, dass das Kind wund ist und Angst vorm Wickeln hat, kommt meiner Erfahrung nach jedes Kind nach kurzer Zeit, um sich sauber machen zu lassen)
Da nun klar ist, dass das Kind gewickelt werden muss, sagt die Erzieherin: Komm! Wir gehen wickeln.
Variante 1: Das Kind kommt mit.
Variante 2: Das Kind will nicht. Die Erzieherin akzeptiert das Nein, signalisiert aber gleichzeitig, dass das Wickeln notwendig ist und schlägt z.B. vor, dass das Kind noch dies oder jenes zu Ende tun kann, bevor es dann die Erzieherin zum Wickeln abholt.
Die Erziegerin verlässt den Raum und teilt Kollegen und Kindern mit, das xy und sie mal ins Bad gehen.

Wie man unschwer erkennen kann, dauert es bei der zweite, achtungsvolle Variante wesentlich länger, bis die Erzieherin zum eigentlichen ‚Ziel‘ gelangt, das Kind zu wickeln. Dies kann aber eigentlich nicht das vorderste Ziel sein: Für mich ist dies in eigentlich jeder Situation, die Kinder zu selbstverantwortlichen, eigenständigen Menschen zu erziehen.

In der Art, wie in der ersten Situation der Umgang beschrieben wird, liegen gleich mehrere zu diesem Ziel völlig gegenläufige Momente:

  1. Der Körper des Kindes wird nicht geachtet, sondern wie bei einem Gegenstand nachgeschaut, ob etwas nicht stimmt.
  2. Der eigene Wille des Kindes wird überhaupt nicht anerkannt und die Achtung vor dem, was das Kind gerade tut, fehlt.
  3. Im letzten Schritt werden dann noch die Intimität und die Gefühle des Kindes verletzt.

Diese doch eigentlich sehr krassen Vorfälle passieren so täglich nebenbei. Folgendes bringt man dadurch den Kindern bei:

  1. Dein Körper ist nur bedingt dein Körper.
  2. Was du willst und was du tust, ist nicht wichtig.
  3. Es gibt für dich keine Intimität und „hab dich mal nicht so !“.

Folgen, die dadurch entstehen können im Alltag:

  1. Das Kind übernimmt keine Verantwortung für sich, zieht sich nich selbst an, lässt sich bedienen.
  2. Das Kind übernimmt keine Verantwortung für sein Handeln: geht was kaputt? ist doch egal! Aufräumen ? Das war ich nicht!
  3. Dem Kind sind die Gefühle der anderen egal, seine eigenen zeigt es nicht wirklich, sondern passt sich lieber an.

Im Weiteren kommen dann noch hinzu, dass das Kind nicht lernt „Nein“ zu sagen und es dieses „Nein“ auch bei anderen nicht akzeptiert.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Umgang mit diesen kleinen Momenten die Grundlage für alles weitere bietet.

Und ich höre meine werten Kollegen schon rufen: Aber gerade in der Kleinkindgruppe haben wir nicht genügend Zeit, nicht genügend Personal und zu viele Kinder! Es ist ja ein schönes Ideal, aber nicht zu schaffen.

Denen möchte ich gerne antworten: Was denkt ihr denn, was das heißt, Erzieherin zu sein? Es geht doch nicht in erster Linie um Betreuung und Verwahrung, sondern um Erziehung und Bildung! Genau das ist unsere vorderste Aufgabe. Dafür sind wir angestellt worden, dies ist unsere Aufgabe den Eltern und Kindern gegenüber.

Natürlich gibt es diese Tage, an denen es einem nicht gut geht, viel zu wenig Personal da ist, die Kinder alle nicht gut drauf sind und es stimmt auch, dass der Beruf des Erziehers sehr nah am Persönlichen ist, da man ja auch mit seiner Persönlichkeit wirkt und Vorbild ist. An solchen Tagen versuche ich mir die Kinder als Erwachsene, als ihre Eltern, als meine Freunde vorzustellen. Denen würde ich ja niemals einfach von hinten in die Hose schauen oder sie am Arm dorthin ziehen, wo ich sie gerade brauche. Denn dies kann ich mit den Kindern ja nur machen, weil ich Macht habe -Macht durch meine Körpergröße und durch meine Stärke und Macht durch ihre Abhängigkeit von mir.

Meinen Freunden würde ich auch niemals vorschreiben, wie sie am Tisch zu sitzen und wie sie zu essen hätten. Aber dazu später mehr, wenn ihr wollt, denn ich hätte noch so viel dazu zu sagen!


6 Gedanken zu “  Achtung in der Erziehung

  1. Der Zeitdruck ist ein schlechter Begleiter.
    Daraus resultieren viele Fehler die gemacht werden. Zeitdruck, Überlastung und Unzufriedenheit ergeben für die Kinder eine ungute Gemengelage. Dazu kommt oft noch fehlende Empathie.
    Nicht das Kind steht dann im Mittelpunkt, der Zeitplan ist es, die Vorgaben und die eigene Befindlichkeit.
    Auf sich selbst zu blicken und ob man es mit dem eigenen Kind ebenso handhaben würde, dass würde oft schon helfen.
    Es ist eben etwas anders mit Menschen zu arbeiten oder mit lebloser Materie.

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    1. Leider gibt es auch genug, die mit ihren eigenen Kindern so umgehen. Sich bei Kindern ehrlich zu entschuldigen hilft auch. Manchmal bin ich unausstehlich wenn eben Zeitdruck und/oder Stress ist und dann meckere und keif ich herum und bin ungerecht. Irgendwann bemerk ich das dann zum Glück und kommuniziere es den Kindern gegenüber. Die sind dann immer sehr erleichtert und furchtbar süß 😉 und erinnern mich das nächste Mal und sagen: Du schimpfst schon wieder!

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  2. Uiiiiii, da werden einige Erzieherinnen sauer sein, denn im Prinzip hast du mit allem Recht und wenn die Kinder ein einigermaßen intaktes Elternhaus haben, geht das sicher, aber bei Brennpunkt Kindergärten wird es dann schon sehr viel schwieriger. Das mit der Intimität kann ich nur bestätigen, denn ich kann mich noch gut an Arztbesuche als Kleinkind erinnern, wo für mich eine Horde unbekannten Leute um mich herum standen und mir einfach die Hose runtergezogen wurde. Da hätte ich am liebsten alle vor Wut und Scham gebissen.

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    1. Ich glaube ja, dass man da an sich arbeiten MUSS und das als Grundhaltung, über die man gar nicht mehr nachdenken muss, etablieren sollte. Aber das sage ich nur selten laut 😉 denn ja…sie werden sauer! Aber gerade mit „schwierigen“ Kindern habe ich mit dieser Art die beste Erfahrung gemacht. Sie spüren sofort, wenn du ihnen mit Respekt begegnest, testen den dann bis zum geht nicht mehr und sind dann auf einmal sie selber und meistens sehr sonnige, innige Wesen.

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