Achtung in der Erziehung zweiter Teil

Ich habe es ganz deutlich gelesen! Es hat jemand unterm letzten Beitrag als Kommentar geschrieben, er wolle mehr! Hier also mehr zum Thema und diesmal für Kinder über 3:

Ich habe ja neulich die Abhängigkeit der Kinder vom Erwachsenen beschrieben. Ab einem gewissen Alter (drei bis vier etwa) kommt dann noch eine Art Vorbildfigur hinzu. Man wird Rollenvorbild für die Kinder, sie beobachten genau und nehmen auch unbewußt vieles wahr.

Zudem werden die Kinder immer größer, sowohl körperlich als auch auf kognitiver Ebene. Sie werden sich ihrer selbst bewußter und bewußter und man erkennt viel stärker die Eigenheiten und Eigenarten der einzelnen Kinder.

Meines Erachtens kann man gerade in dem Alter zwischen 4 und 7 eine Menge Spass mit den Kindern haben und ungeahnte Welten entdecken. Viele Erzieher erleben aber eher den Kampf. Solche Sätze wie: „…und dann hat er mit Absicht dies und jenes gemacht.“ höre ich oft.

Kein Kind ist meines Erachtens voll bewußt böse. Immer wieder lerne ich in der Begegnung mit ihnen, meine Vorurteile zu revidieren und offener wahrzunehmen.

Zum Beispiel hier:

Ich kam in eine Situation im Garten. Sascha weinte, Miriam lachte, Elias und Nora standen daneben und schauten zu (alle Kinder sind 5). „Natürlich“ bin ich gleich zu Miriam hin und meinte in etwas schärferem Ton, warum sie lache, wenn Sascha weint. Da kamen schon Elias und Nora an und klärten mich auf, das Miriam sich lustig über Sascha macht. Ich nahm Miriam beiseite und fragte, was los sei. Sie schaute nun ganz betroffen und sagte: „Aber ich habe doch nur Spaß gemacht! Warum weint er denn?“. Dieser Satz hat mich umgehauen und lange nachdenken lassen. Für Miriam sieht die Welt ganz anders aus als für mich. Sie ist eines der quatschigsten Wesen, die ich kenne. Keck, intelligent, den Kopf voller Ideen. Sie teilt aus und kann auch einiges einstecken und ist sehr, sehr selbstständig. Dazu irrsinnig kreativ. Für sie war das Ganze ein großer Spass und dass es für alle anderen nicht so war, konnte sie gar nicht denken. Das Sascha wegen ihr weint, kam ihr gar nicht in den Sinn. Ich wiederum habe in dieser Situation sofort sie als die „Böse“ heraus gefiltert, denn wenn einer lacht und einer weint muss der, der lacht der Schuldige sein … soviel zu meinem Weltbild 😉 ! Miriam hat sich dann entschuldigt, nicht weil sie verstanden hat, dass es für Sascha schlimm war, aber weil sie ihn mag und nicht will, dass er traurig ist. Miriam und ich sind zu folgender Lösung gekommen: Wenn ich eine Situation sehe, in der Miriam Spass hat, während jemand anderes das nicht so sieht, gebe ich ihr einen kurzen Hinweis. Wenn sie dann weiter macht, darf ich „schimpfen“. (Dazu ein Spruch von Ella: Wir Kinder denken immer die Erwachsenen schimpfen, dabei sprechen sie manchmal auch nur laut.)

Verantwortung als Erwachsener für die Kinder haben, heißt für mich, ich bin eine Art ausgelagertes Hilfssystem für Dinge, die sie noch! nicht können und das in physischer, emotionaler, sozialer und kognitiver Hinsicht. Das bringt aber auch die Verantwortung mit sich, sich im rechten Moment wieder zurückzuziehen, nämlich dann, wenn das Kind es kann oder in der Lage wäre, es zu können.

Mit Miriam hatte ich noch ein schönes Gespräch einige Zeit danach:

Miriam: „Ich finde, du schimpfst in letzter Zeit ganz schön viel mit mir.“

Ich: „Ich finde, du machst in letzter Zeit ziemlich viel nicht so guten Quatsch. Wenn du weniger Quatsch machst, schimpf ich weniger.“

Miriam: „Ich mag nicht, wenn du schimpfst.“

Ich: „Versteh ich. Wir können es ja so machen, dass ich darauf achte, dass ich dir erstmal ganz ruhig und normal Bescheid sage, dass du es grad etwas übertreibst und erst dann streng werde, wenn du nicht aufhörst.“

Das fand Miriam Ok. Ob ich das Ok finde, weiß ich nicht, da ich immer noch ziemlich reguliere an dieser Stelle und bestimme, was gut ist und was nicht. Das ist eines der schwierigsten Aufgaben einer Erzieherin meines Erachtens, sowohl dem einzelnen Kind als auch der Gruppe also allen gerecht zu werden. Am besten geht es meiner Erfahrung nach, wenn man die Gruppe sich immer stärker selbst regulieren läßt.

Aber das Ganze ist auch schon fast ein Jahr her und seither hat sich viel getan in der Gruppe.

Davon würde ich gern ein anderes Mal berichten und dem einen ganzen Beitrag widmen.

Hier noch mehr Beispiele für den meines Erachtens angemessenen bzw. nicht angemessenen Umgang:

Wir sind auf dem Spielplatz. Zwei Jungs haben ein Loch entdeckt und sind sehr aufgeregt, da ja alles darin versteckt sein könnte oder der Übergang zu einer Welt dahinter liegen könnte. Auf einmal kommt eine Frau aus dem angrenzenden Haus gerannt und schimpft auf die Beiden ein und befiehlt ihnen, sofort zu verschwinden. Ich bin schon kurz davor einzugreifen und ihr Einhalt zu gebieten, als sie auf uns zukommt. Die Jungs ziehen betreten Leine. Uns erklärt sie dann ausführlich und durchaus freundlich, dass hier immer soviel kaputt gemacht wird, da der Spielplatz von vielen Kindergärten genutzt wird und das sie gerade dieses Loch neulich erst mit viel Mühe zuggebuddelt hatte. Ich frage mich, leider nicht sie, warum sie das nicht genau so den Jungs erklärt hat. Sie sind vier Jahre alt und hätten es verstanden. Sie hätten sich vielleicht nicht dran gehalten aber sie hätten eine Erklärung gehabt, warum die Erwachsenen nicht wollen, dass sie da spielen. So sind sie aus Angst gegangen und verstehen nicht, was sie falsch gemacht haben sollen.

Ich fahre mit Ella und Rumi, zwei fast 6-jährigen Mädchen, U-Bahn. Auf einmal sagt Rumi: „Warum wollen die Erwachsenen eigentlich immer, dass wir uns an den Händen fassen, wenn wir unterwegs sind?!“ Zum einen bin ich verblüfft darüber, dass sie sich also immer an den Händen fassen und gar nicht wissen warum – was für eine Folgsamkeit- zum anderen freue ich mich, dass sie mich inzwischen als würdig erachten, ihre Gedanken und Fragen an die Erwachsenenwelt mit mir zu teilen. Ich widerstehe der Versuchung klug daher zu reden und gebe die Frage zurück: „Wie habt ihr euch das denn bisher erklärt?“ Ein kurzes Aufleuchten der Augen: „Naja, damit man nicht einfach so weggeschnappt werden kann von einem bösen Menschen.“ Da haben die Erwachsenen ganze Arbeit geleistet: Böse neue Welt!, denke ich. Ich erinnere sie daran, wie das auf unseren kleinen Ausflug von der Kita zum Potsdamer Platz gerade war: Ich habe sie „frei“ laufen lassen und nur am Potsdamer Platz und beim Überqueren der Strasse um „Hand in Hand“ gebeten. Am Potsdamer Platz, da dort so viele Menschen unterwegs sind und ich Angst habe, dass sie sich verlaufen und an der Strasse, damit nicht einer zurückbleibt. Dann verfallen sie in wilde Überlegungen, warum es bei der Strasse wichtig ist, sich anzufassen: Wenn einer hinfällt, kann der andere ihn hochziehen; einer kann das kommende Auto stoppen etc. . Als wir dann wieder aussteigen und den Weg von der U-Bahn zur Kita laufen, bitte ich sie, sich mal vorzustellen, dass jetzt alle 20 Kinder der Gruppe hier wären und jeder den Weg geht, den er gern gehen würde. Sie machen Quatsch und laufen in alle möglichen verschiedenen Richtungen und sagen dann selbst, dass es anstrengend und eigentlich unmöglich wäre, alle in die gleiche Richtung zu bewegen, da sie selbst ja auch den Weg oft nicht wissen. Dann erkläre ich, dass es deswegen für uns Erzieher einfacher und für die Kinder sicherer ist, wenn sie sich anfassen, dass man aber mit zwei großen Kindern wie ihnen zum Beispiel das auch anders machen kann. Dies war ein Moment, in welchem Kinder mit ihrem frischen und unvoreingenommenen Blick Automatismen hinterfragen. Mir wurde klar, dass ich bisher befehle sich anzufassen und die Kinder es wie Schafe machen. Außerdem wurde auch mir nochmal bewußter, wann und warum Anfassen wichtig ist und das ich jede Situation danach prüfen sollte.

Das Tischthema hatte ich ja letztens angekündigt. Dies nun noch zum Schluss. Das Mittagessen ist standardgemäß eine der anstrengendsten Zeiten des Kitatages. Viele Kinder auf engen Raum mit wenig Bewegungsfreiheit, einer klaren Aufgabe und vielen Gelegenheiten Essen und Trinken umzukippen. Dazu der gesellschaftliche Auftrag, den Kindern Tischmanieren beizubringen. Irgendwann hatte ich keine Bock mehr drauf. Vor allem nicht, als mir klar wurde, wie ich zu Hause esse, wenn keiner da ist.

Folgende Fragen stellten sich mir: Ist die Kita nicht wie ein verlängertes Zuhause für die Kinder? Sie sind beinah 8 Stunden an 5 von 7 Tagen hier, also länger als zu Hause. Warum verlange ich von ihnen, wie im Restaurant zu essen? Für wen drille ich die Kinder, wenn doch anscheinend die Kinder gar nicht den Wunsch haben „ordentlich“ zu essen.

„Ordentlich“ heißt hier: Stillsitzen mit Po auf dem Stuhl, die Beine unterm Tisch, beide Hände auf dem Tisch, je nach Alter mit Messer und Gabel und nicht mit den Händen und dabei entweder schweigen oder leise Gespräch führen, die angemessene Themen beinhalten.

Mein Entschluss war gefasst und ich ließ die Kinder an meinem Tisch in Ruhe essen wie sie wollten und beobachtete erstmal. Sie hampelten, sie wackelten, sie aßen mit Händen, Messer und Gabeln, sie unterhielten sich kreuz und quer und alles wirkte sehr lebendig und glücklich und ich war nach einigen Durchatmungsübungen tiefenentspannt. Das Essen war nicht mehr anstrengend, sondern ein Ort des lebendigen Austausches.

Nun möchte ich ja gemäß meines Erziehungsauftrages den Kindern einen gewissen Grad an Freiheit mitgeben, dass bedeutet auch die Freiheit, sich in einem Restaurant so benehmen können zu wollen, dass man da rein passt. Also spielte ich mit ihnen, dass wir heute im Restaurant bei der Queen eingeladen sind oder beim Außenminister von Deutschland, der bei uns, egal welcher grad, hoch im Kurs steht und wir da ganz fein essen, so „wie es sich gehört“. So konnte ich ziemlich gut sehen, dass bis auf zwei Kinder eigentlich alle wissen, wie es geht. Puh! Also kein Erziehungsdruck, sie können es.

Es gibt natürlich Eigenarten, die ich nicht mag. Zum Beispiel, wenn jemand den Löffel ganz voll tut und dann nach und nach das Essen runterleckt oder wenn die Lautstärke einen gewissen nervigen Ton erhält oder man beim Essen singt. Da ja auch ich mich sehr lange in der Kita aufhalte und es gewissermaßen auch ein Lebensort für mich ist, beschloß ich meine Bedürfnisse ernst zu nehmen und den Kindern zu sagen: „Ich möchte das nicht!“ Dabei wies ich schon darauf hin, dass das was mit mir und meinen Vorlieben zu tun hat und Ich sie daher darum bitte, aufzuhören und es nett von ihnen wäre, es zu machen. Meistens machen sie es 😉 ! Aber – und hier kommt das Vorbild zu tragen – sie fangen auch untereinander so zu reden: „Ich mag das nicht, wenn du so laut redest. Bitte höre auf.“ Es geht dann auf einmal sehr gesittet und höflich zu bei den fünfjährigen Kindern, ganz von selbst und ohne Anordnung.

Und dann gibt es da die Momente, wo ich wieder ausgelagertes Hilfesystem bin. Wenn ein Kind permanent kleckert und ich erfahrener Erwachsener erkenne, dass es mit der Sitz- und/oder Tellerposition zu tun hat, werde ich tätig. Aber nicht in dem ich Befehle gebe wie: „Setzt dich richtig hin!“ Iß ordentlich!“ sondern: „Schau mal, irgendwie kleckert da grad viel daneben. Ich glaube, wenn du dich näher an den Tisch setzt und den Teller direkt vor dich schiebst, passiert das nicht. Du kannst es ja mal ausprobieren.“ Das klappt ganz hervorragend! Die Kinder wollen ja ihr T-Shirts, holen, Kleider etc. nicht bekleckern und ich lasse ihnen die Möglichkeit es aus eigenem Willen zu tun. Zudem werden sie dadurch selbstständig und manchmal sehe ich, dass ein Kind, wenn es bemerkt, dass es kleckert, sich ordentlich am Platz einrichtet = Lerneffekt! Ein anderer Punkt, wo ich für das Kind tätig werde ist der, wenn ich bemerke, einem Kind ist es zu laut am Tisch, aber es kann dies nicht äußern. Dann frage ich es laut und wenn es nickt, weise ich die anderen darauf oder fordere das Kind auf, es zu tun.

So….das war jetzt viel….und ich hab noch viel mehr!

Einfach die Kinder ernst nehmen und mit ihnen so umgehen, wie man selbst es für sich möchte. Und plötzlich sind die Kinder ganz bei dir und wollen und sind und überhaupt!!!

Ich fände es sehr spannend, eure Gedanken dazu zu lesen!


2 Gedanken zu “Achtung in der Erziehung zweiter Teil

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