Die Schuldfrage durch die Generationen hindurch

Irgendwann kommt der Punkt, an der Mensch auf sein Leben zurück schaut und sich der eigenen Kindheit und Jugend annimmt. Natürlicher Weise gehört dazu auch der Blick auf die Eltern und auf ihre Art der Erziehung. Wie haben meine Eltern auf mich eingewirkt, was in meinem Leben findet seinen Ursprung hier?

Oft kommt man zu solchen Fragestellungen, wenn man selbst Elternteil wird. Was will ich genau so machen, was anders? Warum verhalte ich mich in Manchem wie meine Mutter, wie mein Vater, obwohl ich das gar nicht will!

Ich habe meinen Eltern viel vorzuwerfen (welches Kind hat das nicht?) – und habe das auch einige Jahre gründlich getan! Ich habe auch zu jedem Elternteil mal den Kontakt abgebrochen. Lange Zeit sah ich sie als die Schuldigen.

Wenn man bemerkt, dass durch die Erziehung, die man bekommen hat, einem bestimmte Grenzen gesetzt sind oder bestimmte Wunden entstanden sind, die andauernd in Alltagssituationen hineinspielen, wenn man feststellt, dass die eigene Sozialisierung und Beziehungsfähigkeit durch das Vorbild der Eltern arg in Mitleidenschaft gezogen sind, dann ist da meist zuerst die Schuldfrage!

Ihr seid Schuld, dass ich so bin, wie ich bin!

Das habe ich so erlebt und erlebe es auch bei anderen Menschen.

Durch eine starke Abgrenzung zu meinen Eltern habe ich Abstand gewonnen. In diesem Abstand konnte ich meinen Weg suchen, meine Art mit Kindern und Beziehungen umzugehen. Ich hatte Zeit und Raum mich mit mir und dem Erlebten auseinander zu setzen. Um so mehr ich da aus diesem Jammertal herauskam, desto weiter wurde mein Blick. Und je weiter meiner Blick wurde, desto weniger war die Schuldfrage ein Thema.

Opfer und Täter. Der Täter ist meist auch Opfer und das Opfer wird nicht selten zum Täter. Es gibt kein schwarz/weiß. Es gibt den individuellen Weg und wie kann ich oder irgendwer darüber richten.

Vor einigen Jahren hatte ich mit meiner Mutter ein Gespräch, in welchem ich ihr berichtete von dem, was sie in meinem Leben angerichtet hatte. Aber ich konnte zugleich sagen, dass ich, wenn ich mich in sie hineindenke, verstehen kann, wie es dazu kam. Das heißt nicht, dass es weniger schlimm ist, was ich erlebt habe oder dass ich sie entschuldige, – es heißt aber auch nicht, dass sie Schuld ist. Denn darum geht es nicht; wenn man es überhaupt benennen will, dann ist es tragisch.

Es ist tragisch, was sie als schon Ungeborenes und später als Kind erleben musste, genauso wie die Erlebnisse meines Vaters tragisch waren. Es ist tragisch, was meine Großmutter alles verlieren musst ein ihrem leben. Es ist tragisch, wie sich die Ehe meiner Eltern durch Einmischung ihrer Eltern gestaltet hat, es ist tragisch, welche Erziehungsmethoden damals tonangebend waren und es ist tragisch, aber auch verständlich, wie sie uns, ihre Kinder erzogen haben.

Auf dieser Tragik sollte man sich nicht ausruhen und ich rechne es meinen Eltern hoch an, dass sie sich mit solchen Themen auseinandersetzen. Die eine mehr, der andere weniger, aber sie schauen nicht weg! Und so darf ich meine Mutter dabei begleiten, wie sie einen neuen, durchaus schmerzlichen, aber auch viel ehrlicheren Blick auf ihre Kindheit und ihre Mutter werfen kann und wie dadurch sich so vieles lösen kann, auch zwischen uns und wie immer weniger die Schuld eine Rolle spielt, sondern das Verstehen und das Mitempfinden und das Verzeihen.

Wir versuchen doch alle hier zu leben. Es gibt wenige die wirklich böse sind und handeln, die meisten irren umher und wissen es nicht besser. Wer kann da urteilen?

Aber ich kann für mein Leben Entscheidungen treffen. Wie werden meine Kinder irgendwann auf ihre Kindheit und Jugend blicken? Wieviel Freiheit lasse ich ihnen? Was lege ich in ihnen an und wird es hilfreich sein oder störend? Trage ich alte Familienmuster weiter?

Wenn ich „hinter“ mich schaue, sehe ich viele Generationen. Bewußt greifen kann ich sie bis zu meiner Urgroßmutter, die Ururgroßmutter meiner Kinder. Ich sehe Parallelen in Leben, ich sage und höre Sätze, die durch die Generationen getragen werden und ich sehe Themen immer und immer wiederkehren.

Ich bin wie und was ich bin auch durch diese Menschen, die ich meine Familie nenne. Sie haben Anteil an meinem Leben, sie haben Wirkung. Aber dieser eine Wertung geben, will ich nicht mehr.

Es ist, was es ist.

Jeder lebt sein Leben und lebt es letztendlich allein.

Schuld ist ein altes Phänomen, dass ich nicht in mein Lebenskonzept mit aufnehmen möchte.

Ich bin hier, vor mir waren welche, nach mir werden welche sein. Was weiß ich, warum, was geschieht, was gut ist und was nicht.

Meine Eltern, ihr habt großen Anteil an dem, was ich bin, wer ich bin und was nicht. So wie eure Eltern an eurem Schicksal Anteil haben. So wie ich Anteil am Leben meiner Kinder habe. Es ist das Weltenrad, das sich dreht und dreht und ich gebe euch keine Schuld. Ich verzeihe wohl auch nicht, aber ich kann verstehen und annehmen.

Das wollte ich hier mal geschrieben haben!

 


4 Gedanken zu “Die Schuldfrage durch die Generationen hindurch

  1. Ich denke, es geht auf jeden Fall um Verantwortung. Ein Kind hat keine Verantwortung für seine Erziehung. Eltern, die ihre blinden Flecken nicht wahr haben wollen, dauerhaft und wiederholt, mögen ihre Gründe haben, bzw. es gibt Ursprünge in ihrer eigenen Vergangenheit. Was aber gar nicht geht, ist den Kindern zu sagen, dass sie schuld sind. So gibt es eben keine Entschuldigung, das sind Flüche, die bleiben, bis sie erlöst sind, falls das möglich ist. Und das wird kaum vom Kind geschafft werden, denn das hat die entsprechenden Mängel mitbekommen. Schuld mag ein Wort sein, aber die Verantwortung bleibt. Wenn jemand keine Antwort geben kann, aus physischen oder psychischen Gründen, oder das verweigert, bleibt es trotzdem wie ein großes Loch im gesamten System. Und wenn es endlich geheilt wird, bleiben die Strukturen, die fehlenden Fäden.

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  2. Verzeihen
    Entschuldigen

    Zwei Worte die oft in einem Zusammenhang angewendet werden, aber so unterschiedlicher nicht sein können.
    Verzeihen ist eine große Geste und du hast sie angewandt. Davor habe ich sehr große Achtung.

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