Allgemeinheit

Es folgen Gedankenfetzen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und mit dem Aufruf mit zu fetzen und zu denken:

Der Begriff (und seine Bedeutung) beschäftigt mich immer wieder:

„Ich soll mich also in die Allgemeinheit einordnen. Was für ein Wort!
All-gemein-heit.
Wisst ihr überhaupt, was ihr da sagt? Ihr sprecht das Größte und
Kleinste aus in einem Wort; Stolz und Demut.
Allgemein zu werden ist vielleicht das Schwerste, was es überhaupt
gibt – das All ins Normale, ins Gemeine hineindenken, hineinleben.
Im Gewöhnlichen das All nicht vergessen.
Und das All sind wir alle, wie der Name schon sagt.“ (Quelle)

Auslöser diesmal war die Planung des Betriebsausflugs auf Arbeit. Irgendwie gehört da für einige  das Essen gehen unabdingbar dazu. Und um durchzusetzen, was einigen wichtig ist, wurde wiedermal die Allgemeinheit herbeizitiert. Auf die Frage, wer denn diese Allgemeinheit sei, konnte nicht geantwortet werden außer mit diesem Nebensatz: „Na du jedenfalls nicht!“

Die Menschen ziehen den Begriff der Allgemeinheit heran, wenn sie Unterstützung brauchen von einer Unzahl an Menschen, um ihre Meinung, ihr Vorhaben gegen einzelne Widergänger zu behaupten. Aber dabei vergessen sie, dass diese Widergänger zur Allgemeinheit gehören und somit ihre Behauptung völlig an Wert und Kraft und Wahrheit verliert.

„Nun kann es aber – wenn überhaupt – nur eine „Allgemeinheit“ und – wenn diese nicht schizophren sein sollte – nur ein „Allgemeininteresse“ bezüglich einer bestimmten Angelegenheit geben, und es entsteht die Frage, wie man die verschiedenen Behauptungen, im Namen der „Allgemeinheit“ zu sprechen, auf ihre Wahrheit prüfen kann, wie man herausfinden kann, ob überhaupt jemand und gegebenenfalls wer zu einer derartigen Behauptung berechtigt ist. … Der gesellschafts- und wirtschaftspolitische Begriff der „Allgemeinheit“ wurde in die verschiedensten Ideologien als notwendige Voraussetzung für den Begriff des „Allgemeininteresses“ eingeführt, den man zur Konstruktion quasi-objektiver politischer und wirtschaftlicher Normensysteme benötigte. Da aber der logisch einwandfreie Begriff der „Allgemeinheit“, der über den Summenbegriff nicht hinausgeht, für jeden Zweck unbrauchbar war, waren und sind die ‚,Allgemeinheits“-Ideologen gezwungen, immer wieder zu behaupten, das „Ganze“ sei – mehr als die bloße Summe seiner Teile.“ (Quelle)

Das ist eine Art Bürgertum, die ich kaum ertrage und die mich oft hilflos werden lässt. Dann denke und lese und lese und denke ich und versuche durchs Denken wieder festen Grund zu erspüren. In der Kitagruppe versuche ich nur mit Konsensbildung zu arbeiten, nicht mit Mehrheitsverfahren. Solange ein Kind zu etwas aktiv „Nein“ sagt, geht es nicht. Dann muss weiter gerungen werden, damit eine Lösung gefunden werden kann. Und es findet sich, unter Beachtung der unten angeführten Stufen, meiner Erfahrung nach relativ schnell eine Lösung, die im Anschluss aber wesentlich tragfähiger ist als ein Mehrheitsentschluss.

Mein Wunsch wäre es, dies in der Runde der Erwachsenen auch viel selbstverständlicher werden zu lassen: Wenn einer Nein sagt, dann nimmt man das ernst und setzt nicht Masse als Druck ein. Gleichzeitig verlangt es von jedem Einzelnen, dass er sich bemüht und sich hier mal in der, wie ich finde wahren Bedeutung des Wortes, für die Allgemeinheit einsetzt und eben schaut und an sich und seinen Einstellungen arbeitet und sich fragt, wie weit er entgegenkommen kann, so dass es wirklich für ALLE eine Lösung ist, die sie tragen können.

„Ein wichtiges Merkmal der Konsensentscheidung ist der Grundsatz, keine Entscheidung gegen den ausdrücklichen Willen eines Einzelnen oder einer Minderheit zu treffen. Doch Konsens bedeutet nicht völlige Einstimmigkeit oder gar Harmonie, sondern Übereinstimmung, Übereinkunft. Es gibt deutlich differenziertere Stufen der Zustimmung (mit Begründung) als Ja oder Nein. Seinen Reichtum gewinnt der Konsens durch seine Komplexität im Verfahren (mit verschiedenen Methoden), der Technik, der Fertigkeiten wie etwa das aktive Zuhören und einer Haltung, die Vertrauen in die Kräfte und Absichten der anderen setzt. Dem Konsens liegt eine andere Kultur zu Grunde. An dessen Ende steht eine Entscheidung, die alle mittragen – ohne Unterschiede zu übergehen.

In der Regel werden fünf Konsensstufen unterschieden: 
1. Ich stimme der Entscheidung vorbehaltlos zu. 
2. Ich stimme zu, habe aber leichte Bedenken. 
3. Ich habe schwere Bedenken, trage aber die Entscheidung mit. 
4. Ich lasse die Entscheidung passieren, stehe aber beiseite und beteilige mich nicht an der Umsetzung. 
5. Ich enthalte mich der Entscheidung, beteilige mich aber an der Umsetzung. (Quelle)

Ein weiterer Gedanke, der sich dazu herannaht, ist die Idee der Anarchie. Mit 14/15 war ich völlig überzeugt, konnte aber keinem Erwachsenen erklären, was ich damit meinte. Seither formt sich ein immer klareres Bild. Für mich sind die Zeiten der Demokratie, wie wir sie kennen, am Ende. Meine Sehnsucht wäre dies:

„Während umgangssprachlich völlig zu Unrecht bis heute „Anarchie“ mit Chaos und Terror assoziiert wird, stammt das Wort aus dem Griechischen und bedeutet „ohne Autorität“, ein gesellschaftlichen Zustand der Herrschaftslosigkeit und Freiheit. Schon Immanuel Kant beschrieb „Anarchie“ als „Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“. Ein Anarchist ist demnach in seinem Selbstverständnis ein Mensch, der von der Herrschaft anderer frei sein möchte und es gleichzeitig aus freiem Willen ablehnt, über andere Zwang und Gewalt auszuüben.“ (Quelle)

Dazu der Gedanke der Dreigliederung, dessen Ideale schon lange als Sehnsucht im Menschen leben:

  • Freiheit im Geist
  • Gleichheit im Recht
  • Brüderlichkeit in der Wirtschaft

 

Und ein neues Wort, dass sich mir in diesem Zusammenhang heute auftat: Gemeinfreiheit.

„Die Gemeinfreiheit ist die Grundnorm allen Wissens und aller geistigen Schöpfungen. Von der Nutzung gemeinfreier Güter kann niemand ausgeschlossen werden, die Nutzung durch eine Person verhindert nicht, dass andere dasselbe gemeinfreie Gut nutzen: Sie ist nicht exklusiv und nicht rivalisierend.“  (Quelle)


Ein Gedanke zu “Allgemeinheit

  1. Ich denke jeder macht diese Phasen im Leben durch, die mal Anarchie und mal Konformität zum Vorschein bringen. Doch letztendlich halten wir uns für unvergleichbare Individuen und vielleicht sind wir das wirklich. Mal sehen, wie ich so in 10 Jahren darüber denke!

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