Penja

Am letzten Wochenende war ich auf einer Penja!

Ich wünschte, dass in dem Augenblick, in dem ihr das Wort ‚Penja‘ lest, all die Töne, Bewegungen, Gefühle, Geräusche, die Lebendigkeit und Wärme, die ich dort erlebt habe, von mir zu euch hinüberspringen könnten. Da das aber wohl noch nicht ganz klappt, werde ich es mit vielen Worten versuchen.

Was ist das: Penja?

Im Spanischen heisst ‚peña‘ Freundeskreis. So eine Penja feiert man wohl, so hab ich es mir erzählen lassen, in Lateinamerika und es kommen viele, viele Menschen zusammen und singen, tanzen, musizieren und feiern, was das Zeug hält. Wenn man jetzt Bilder von lateinamerikanischen Festen vor Augen hat und dann an Deutschland und seine Feierkultur denkt (ich sag nur Oktoberfest), dann öffnet sich da ja durchaus ein tiefer Spalt. Umso schöner war es für mich, Teil dieses erfüllenden Ereignisses zu sein.

Zur Penja bin ich über einen Volkstanz-Workshop gekommen, den ich regelmäßig besuche und immer wenn da von dieser Reise gesprochen wurde, leuchtete in den Augen derer, die schonmal dabei waren so ein Feuer, eine Freude, Lebendigkeit und Wärme auf, dass mir ganz sehnsuchtsvoll ums Herz wurde. Nun weiß ich, woher dieses Leuchten stammt, habe es selbst erfahren und trag es mit mir herum in diesen Tagen danach.

Getroffen haben wir uns im Schloss Hamborn bei Paderborn. Das ist ein wunderbarer Ort, schon allein um diesen kennenzulernen, hat es sich gelohnt. Es ist eine Lebensgemeinschaft, in der über 500 Menschen leben. Es gibt dort ein Altenwerk, eine Reha-Klinik, einen Waldorfkindergarten, eine Waldorfschule, eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Hilfebedarf und eine biologisch-dynamische Land- und Forstwirtschaft. Diese Art des Konzepts einer Gemeinschaft und vor allem auch die Menschen, die uns dort empfangen und für uns gesorgt haben, waren sehr inspirierend. Diese Projekte in der Welt, bei denen es um ein Miteinander, um ein achtungsvolles Helfen und um ein kulturschaffendes Element geht, erscheinen mir immer wie Lichtpunkte in einer sonst eher sozial kalten Welt. Daher empfehle ich euch sehr, euch mal die Seite von Schloss Hamborn anzuschauen, euch einen Eindruck zu holen und diesen Ort auf dem Schirm zu haben. Im letzten Jahr fand hier ja auch das Waldorffestival statt.

Am Freitag reiste ich von Berlin aus mit dem FLixBus an. Und das war mit ganz schönen Schwierigkeiten verbunden. Erst gab es eine Gleisstörung bei der Ringbahn und es war klar, dass ich mit weiterer Nutzung der BVG den Bus verpassen würde. Dann wurde mir das Taxi vor der Nase weggeschnappt und es kam ewig kein anderes. Zu diesem Moment habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, ob das Schicksal mir irgendeinen Wink geben will und ich vielleicht einfach wieder nach Hause fahren sollte. Nach kurzer innerer Prüfung merkte ich aber: Nee, ich will dahin. Prompt kam ein Taxi mit sehr nettem Fahrer, der mich rasant zum ZOB brachte. Dort rannte ich zum Bus und durfte wegen eines sehr sicherheitsbewusstem Fahrers meinen Rucksack zum ersten Mal nicht mit rein nehmen, sondern unten zu den Koffern stellen. Wir mussten auch alle während der Fahrt angeschnallt sein und durften weder unsere Schuhe ausziehen noch unsere Taschen irgendwie abstellen. Dadurch war das eine etwas merkwürdige Reise, hat aber uns Fahrgäste, ähnlich wie Schüler bei einem strengen Lehrer vereint…

In Paderborn angekommen klappte es dann ganz gut mit dem Umsteigen und ich war schon voller Vorfreude. Im Bus saßen vor mir dann zwei Typen, irgendwie journalistisch angehaucht, die sich angeregt darüber unterhielten, wie man rechtes Gedankengut am besten in Kommentaren von Social Media unterbringt. Vielleicht lenkte mich das zu sehr ab, vielleicht lag es aber auch an den teils merkwürdigen, teils nicht vorhandenen Ansagen im Bus, auf jeden Fall verpasste ich, dass ich umsteigen musste in einen zweiten Bus. Als ich dann irgendwann den zum Glück sehr netten Fahrer ansprach, meinte der, ich könne bis Endstation mitfahren und dann wieder zurück. Am Umsteigehalt stand ich dann bei einbrechender Dunkelheit und stellte fest, dass hier nix mehr fährt. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg, darauf gefasst, eine Stunde im Dunkeln durch die Pampa zu laufen, aber mit der kleinen Hoffnung per Anhalter Glück zu haben. Aber alle Autos fuhren vorbei und ich hatte etwas zu tun, meinen Frohgemut zu behalten, vor allem, da die Penja inzwischen offiziell begonnen hatte. Und dann hielt, danke Welt!, doch ein Auto und zwei junge, französisch sprechende Männer, die von den Typen vorhin im Bus am liebsten aus dem Land geschmissen werden würden, waren meine Retter aus der Not. Sie fuhren mich, obwohl das ein Umweg für sie bedeutete, bis zur Ausfahrt von Schloss Hamborn. Von dort aus waren es dann noch etwa 15 min. zu Fuß durch die Dunkelheit und ein Stück durch den Wald bergauf und das war schön und half mir, dieses Reisespektakel loszulassen und dann, als ich schließlich das richtige Haus gefunden hatte, war ich da!

Ich kam zum Abendessen und das ist ja immer so eine Sache, wenn man ganz allein in einen Raum voller Menschen tritt, die beisammensitzen und sich gefühlt schon ewig kennen. Zum Glück hatte ich durch meine Städtetour ja gerade etwas Erfahrung mit dem Alleinreisen gesammelt. Aber der Erste, der mich da so stehen sah, meinte einfach mit einem Strahlen: stell doch deine Sachen erstmal ab und hol dir was zu essen und komme an. Und prompt war ich in diesem Penja-Gefühl drin: sich willkommen fühlen, obwohl man keinen kennt.

Noch schöner wurde es, als ich bemerkte, dass das Essen vegan war und so lecker. Und dann traf ich auch schon die ersten bekannten Gesichter: den Musiklehrer, die zwei, die ich bei den Tanzworkshops schonmal sah und den Tanzfreund. Und dann kam ich mit den Menschen an meinem Tisch ins Gespräch und schon waren es keine Fremden mehr.

Nach dem Essen brachte ich meine Sachen in ein Klassenzimmer, in dem schon andere Bettenlager waren und schlug meines auf. Und dann trafen wir uns alle im großen Raum, bekamen kleine Schnupperkurse zu den einzelnen Workshops und das Tanzen und Singen begann und ging über ins Feiern und Musizieren, Trommeln und Jammen. Bis drei Uhr morgens saß der „harte Kern“ dort. Total erfüllt kroch ich in meinen Schlafsack.

Am nächsten Morgen, am Samstag, ging es dann mit Frühstück weiter. Anschließend konnten die einen zum Volkstanz gehen und diejenigen, die Instrumente dabei hatten, gingen zum Ensemble. Besonders reizvoll war das Ganze, weil das Ensemble die Lieder einstudierte, zu denen wir tanzten. Ich ging natürlich zum Volkstanz. Immer wieder bin ich baff, wie sich seit dem Sommer mein Tanzen verändert hat. Als wäre ein Knoten geplatzt, kann mein Kopf nun Informationen direkt an meine Beine und Füße weitergeben und ich lern im Nu neue Tänze. Außerdem kann ich mich viel leichter im Tanz verlieren und mich ganz reingeben und -fühlen. Volkstanz wird ja schon oft belächelt und ganz merkwürdige Bilder tauchen da in den Köpfen auf, aber besonders das Tanzen mit Benedikt Lux ist ganz anders, als die meisten Menschen es mit Volkstanz verbinden. Das kann man am Besten rausfinden, wenn man es selbst erlebt… daher: wenn das nächste Mal irgendwo Volkstanz angeboten wird, macht einfach mal mit!

Danach ging es mit den nächsten Workshops weiter und man konnte zwischen Chor und Stimmrituale wählen. Ich ging zum Chor. Diesen leitete Jeroen Moes, ein begnadeter Musiker. Die Große hatte das Glück, ihn als Musiklehrer zu haben. Und ich war nun auch glücklich, ihn im großen Kreis singend, erleben zu dürfen. Und auch beim Chor lernten wir Lieder, nach denen wir getanzt hatten. Dann ging es mit einem leckeren Mittagessen und wieder mit Volkstanz und Ensemble weiter. Nach einer Kaffeepause gab es dann wieder Chor und Stimmrituale und diesmal ging ich zu letzterem. Ich hatte ein bisschen Schiss davor, was das mit mir machen würde, aber ich hab erfahren, dass genau diese Sachen, für die ich erstmal über meinen Schatten springen muss, dann oft welche sind, die mir besonders gut tun. Und so war es auch hier. Dieser Workshop fand mit Martin van Emmichoven statt und ich weiß gar nicht, wie ich das, was ich dabei erlebt habe in Worte fassen soll. Es war ähnlich wie beim Qi Gong etwas wie Heilung in mir, Verfestigtes löste sich, mein Körper vibrierte und kribbelte und ich fühlte mich so lebendig und gleichzeitig so bei mir und so ruhig! Und mittendrin hatte ich auf einmal das Gefühl, dass viel mehr Menschen im Raum sind, als sie eigentlich körperlich waren. Das fühlte sich echt abgefahren an. Martin beschreibt das selbst so:

Ursang ist eine Kommunikationsform, bei der Menschen über Töne, Klänge, Gesänge, Laute und Silben mit sich selbst und anderen in Kontakt treten. Der Wahrnehmung von Körper, Seele und Geist, sowie dem emphatischen Spürbewusstsein kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Oft tritt beim Ursang eine unmittelbare Verbundenheit und Zeitlosigkeit ein. Ein Zugang zu eigenen tieferen Quellen wird spürbar und drückt sich aus. Dadurch entstehen wesentliche Gestaltungsmöglichkeiten. Ursang hat ein hohes Erholungs- und Heilungspotential. Es eignet sich sowohl für die Arbeit mit persönlichen Themen, als auch für spielerisches Kommunizieren im Sinne von lustvoll gemeinsam Musik-machen. (Quelle)

Danach brauchte ich dann eine Weile, bis ich wieder unter Menschen gehen konnte. Nach dem Abendessen gab es dann die Faschingsparty. Das Ensemble spielte, angeleitet durch Matthias Zeylmans van Emmichoven, fantastisch und wir tanzten und sangen dazu. Dann wurde getrommelt und wir wurden auf eine Stimmreise mitgenommen. Es gab Scharade und Schauspiel und schließlich ging alles über in eine so schöne Feier, die ich erst fünf Uhr morgens verließ.

Am nächsten Morgen, am Sonntag, tanzten wir nach dem Frühstück zum Ensemble und am Ende gab es im Kanon den Abschlusstanz zu:

Round and round we dance, we hold each other‘s hands and weave our lives in a circle, our love is strong, the dance goes on.

Lange blieben wir noch in den drei Kreisen stehen und spürten nach und immer noch laufe ich durch Berlin, meine Wohnung, die Arbeit und singe das Lied vor mich hin.

Eine anderes Lied, welches wir oft sangen und dazu tanzten, war der Penja-Song mit dem Refrain:

Penja – wir feiern das Leben, Penja – bringen alles zum Erbeben, wir tanzen immer weiter, bis es taut. Penja – wir lachen und singen, Penja – bringen alles zum Erkling‘, wir jammen durch die Nacht, bis der Morgen graut.

Und dieses, „wir feiern das Leben“, dass habe ich mir mitgenommen und das macht mich so glücklich und dafür bin ich so dankbar.

Ich habe viele Menschen getroffen und es gab so schöne Momente mit ihnen, die ich jetzt in mir trage, ich habe einiges über mich selbst erfahren, manche Sachen haben jetzt mehr Klarheit – die Penja wirkt noch nach.

Ich hoffe so sehr, ich konnte euch ein bisschen was erlebbar machen, von dem Reichtum, der Vielfalt, der Freiheit und Lebendigkeit und der Wärme, die ich dort gefühlt habe.

Zurück konnte ich dann mit in einem Auto fahren mit anderen Berlin-Heimkehrern und das ist ja klar: nach der Penja ist vor der Penja!

Hier findet ihr mehr zur Penja!

(Beitragsbild Quelle)


3 Gedanken zu “Penja

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